Es war einmal ein Deutschland, in dem der Zweifel an der Loyalität das größte Hindernis war, Kindern von Türken und Arabern die doppelte Staatsbürgerschaft zu geben.

Dieses Deutschland gibt es nicht mehr. Keiner spricht mehr davon, dass doppelte Staatsbürgerschaften "Doppel-Loyalitäten" schaffen könnten, wie es Wolfgang Schäuble einst befürchtete.

Das Deutschland von heute heult nicht mehr so ängstlich herum, es führt keinen großen Tanz mehr um die "deutsche" Identität auf. Es ist stark, chaotisch, weltoffen, anders. Den deutschen Pass will man haben – und daneben auch den anderen, der einen mit dem Land der Eltern verbindet. Anfang des Jahres entstand dann mit der großen Koalition von Union und SPD endlich eine Konstellation, die politisch und gesetzlich hätte durchbringen können, was längst das Lebensgefühl in diesem Land ist. Und übrigens auch schon Realität ist, aber eben nur für EU-Bürger und Schweizer – nicht für Türken und Araber.

Der Doppelpass ist eine große Sache für Deutschland. Eine Art Versöhnung mit den vielen Identitäten im Land, und ja, es ist auch viel Pathos und Symbolik dabei. Sonst würde es ja keinen Spaß machen. Aber gerade deshalb ist es merkwürdig, dass der Streit innerhalb der Koalition die Sache so klein gemacht hat.

Der Streitpunkt ist folgender: Die Koalitionspartner haben sich darauf geeinigt, dass die "Mehrstaatigkeit" akzeptiert und die sogenannte Optionspflicht abgeschafft werden soll. Seit der letzten Reform des Staatsbürgerschaftsrechts unter der rot-grünen Regierung im Jahr 2000 galt: Kinder von Einwanderern mussten sich zwischen ihrem 18. und 23. Lebensjahr für eine Identität entscheiden, wenn sie als Doppelstaatler geboren wurden und beispielsweise neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft hatten.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Jetzt hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière einen Gesetzesentwurf vorgelegt, mit dem die Abschaffung der Optionspflicht besiegelt wird. Aber ganz so ohne Pflicht soll man nun auch nicht Deutscher werden, oder genauer: bleiben dürfen. Der Entwurf besagt, dass die jungen Erwachsenen ihr Deutschsein noch mal nachweisen sollen, um die deutsche Staatsbürgerschaft behalten zu können. Dafür sollen sie entweder ihren Schulabschluss einreichen oder per Meldebescheinigungen nachweisen, dass sie "sich mindestens zwölf Jahre, davon zwischen dem zehnten und sechzehnten Lebensjahr mindestens vier Jahre, im Inland aufgehalten" haben. Diejenigen, die weder das eine noch das andere erfüllen, werden verschwindend wenige sein. Und für die nun dieser Aufwand?

Nein, die eigentliche Botschaft dieses Entwurfs ist: Liebe Basis, wir sind immer noch die CDU, so einfach machen wir es den Ausländern nicht! Einige SPD-regierte Länder wollen nun einen eigenen Entwurf einbringen, der zwar keine Chance hat, aber das Richtige beinhaltet: Alle in Deutschland geborenen Kinder sollen zwei Pässe haben und behalten dürfen – fertig.

Nun sind Union und SPD sauer. Die Union auf die SPD, die SPD-Führung wiederum auf ihre Rebellen in den Ländern. Viele Migranten, um die es ja schließlich geht, sind übrigens auch sauer. Es ist nämlich anmaßend, wenn Deutsche von anderen Deutschen einen Nachweis darüber erwarten, wie deutsch sie sind.

Man muss der Union und vielen ihrer Wähler hoch anrechnen, dass sie sich prinzipiell auf die gesellschaftlichen Veränderungen eingelassen haben. Doch sie sperren sich gegen deren Tempo. Der Doppelpass ohne Wenn und Aber wird kommen, schneller, als die Union heute denkt.

Deshalb könnten CDU und CSU ihre Kräfte sparen und aufhören, ihrer Basis etwas vorzuspielen. Und die SPD-Führung könnte aufhören, so zu tun, als sei alles nur eine Frage der Koalitionsdisziplin. Es ist nachvollziehbar, dass die Sozialdemokraten jetzt keinen Ärger wollen, nach all den pompösen "Keine Koalitionsverhandlungen ohne Doppelpass"-Ansagen. Nur macht der Wunsch, keinen Ärger zu wollen, den Vorschlag von de Maizière nicht besser. Er ist ein Rückschritt im Fortschritt und einfach nur hartleibig. Und Hartleibigkeit passt überhaupt nicht mehr zu unserem Land.