Die Seite selbst war aufgebaut wie eBay: Jeder Händler bot seine Ware mit einem kleinen Foto feil; die Kunden bewerteten die gelieferten Güter und den Service – nur dass hier keine gebrauchten Stereoanlagen verkauft wurden, sondern gefälschte Pässe, gestohlene Kreditkartendaten, vor allem aber: Rauschmittel jeder Art, von Haschisch bis Heroin. Für die US-Ankläger war die Seite der "ausgeklügeltste und umfangreichste kriminelle Marktplatz im Internet" – insgesamt wurden nach ihren Schätzungen dort illegale Waren im Wert von 1,2 Milliarden Dollar umgesetzt. Der Gründer der Silk Road propagierte dagegen die Botschaft, die Seite sei weit mehr als ein Schwarzmarkt: nämlich ein libertäres, kryptoanarchistisches Projekt gegen den Verbotsstaat. "Es geht darum, uns unsere Freiheit und unsere Würde zurückzuholen", schrieb er im Netz. Die Händler auf der Silk Road waren für ihn "Helden" im anti-etatistischen Abwehrkampf.

In Wirklichkeit war die Seite für den Betreiber ein Megageschäft, für jeden Deal kassierte er eine Provision. 144.000 Bitcoins beschlagnahmte das FBI beim mutmaßlichen Silk-Road-Gründer, zum damaligen Tauschkurs waren das gut 20 Millionen Dollar. Die US-Ankläger glauben, er habe sogar versucht, Auftragskiller anzuheuern, um sein Auffliegen zu verhindern. Dabei geriet er aber an einen Undercover-Polizisten. Ross U. bestreitet alle Vorwürfe.

Auch den meisten Händlern dürfte es weniger um politische Ideale als um das schnelle und vermeintlich sichere Geld gegangen sein. Sascha F. aus Niederbayern alias Pfandleiher ermöglichten die Deals im Darknet ein recht luxuriöses Leben, einem Mann, der arbeitslos und selbst drogensüchtig war. Nach Informationen der ZEIT mietete er sich mal einen Lamborghini, mal einen Bentley, mal machte er Urlaub in der Karibik. Zur Herstellung von Ecstasy-Pillen aus MDMA legte er sich eigens eine Tablettiermaschine zu. Das Zeug des Pfandleihers sei genial, schrieb ein Kunde, er habe damit eine exzellente Nacht gehabt. "Best quality. Best prices. No fuck ups", warb der Pfandleiher auf seinem Silk-Road-Verkäuferprofil. Beste Qualität, beste Preise, keine Fehler. Er muss sich ziemlich sicher gefühlt haben.

Tatsächlich sind die Ermittler eher zufällig auf Sascha F. aufmerksam geworden. In Österreich landete ein Paket eines anderen Silk-Road-Dealers an einer falschen Adresse. Die Polizei begann im großen Stil zu ermitteln – und bekam einen Hinweis auf Händler in Deutschland. Anfang 2013 bildet das bayerische LKA die "Ermittlungsgruppe Seidenstraße" und legt nach und nach die ganze Dimension des Geschäfts offen. Als im Sommer Sascha F. verhaftet wird, nehmen am selben Tag Beamte in Berlin und Brandenburg drei weitere Verdächtige fest; einer von ihnen soll als "Afterhour" ebenfalls eine Silk-Road-Größe gewesen sein. Bei den Hausdurchsuchungen findet die Polizei 50.000 Euro in einem Kühlschrank und beschlagnahmt 18 Kilo Drogen.

Die Ermittler feiern die Aktion als riesigen Erfolg im Kampf gegen Dealer im Darknet. Im Herbst 2013 folgt in den USA der vermeintlich finale Schlag gegen die Silk Road. Doch schon einen Monat später taucht eine "Silk Road 2.0" auf, die bis hin zum Logo – ein grünes Kamel – dem Vorgänger gleicht. "Die Original-Silk-Road mag Geschichte sein, aber dies ist nur der Beginn der Revolution des Drogenhandels", schreibt ein Forenmoderator. Bis Mitte Februar 2014 die Silk Road 2.0 bekannt gibt, Hacker hätten Bitcoins im Wert von zwei Millionen Euro geklaut, die auf dem Weg von den Kunden zu den Händlern waren. In der Szene gilt die Seite als tot.

Die Hochphase des Drogenhandels über das Darknet scheint nun vorerst zu Ende zu sein. Die letzte Nachahmerseite der Silk Road hielt sich nur neun Tage im Netz. Ihr Name: "Utopia".

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