Neonlicht, beigefarbene Fliesen, stinkende Pfandautomaten – der Mensch steht ratlos vor Regalen, in endlosen Warteschlangen, draußen das Kläffen angebundener Hunde. Der Supermarkt ist bislang nicht als schillernder Ort aufgefallen. "Hier nicht mehr anstellen!", "Ich hab nur drei Sachen, kann ich vor?", solcherlei Ruppigkeiten bildeten den Sound des alltäglichen Einkaufens, kein schöner Klang.

Das hat sich nun geändert, Edeka hat eine eigene Hymne. "Super Markt", raunt die Märchenonkelstimme von Friedrich Liechtenstein, dem bärtigen Star des Werbeclips, der im Netz millionenfach geklickt wurde, es klingt wie ein Gebet. Wie eine Ode an das geliebte Objekt, nur dass dessen Erotik nicht in körperlichen Vorzügen, sondern in der Üppigkeiten der Warenpalette liegt. Statt strahlender Augen und voller Lippen: Tiefkühlfritten, Kondensmilch, Klopapier, das alles ist "sehr, sehr geil".

Mit dem neuen Werbehype erhält der Supermarkt als ästhetischer Ort endlich die Würdigung, die er verdient. Nicht nur der allgegenwärtige Edeka-Ohrwurm feiert die Welt der Wursttheken und Kassenbänder, auch das Modelabel Chanel ließ für eine Schau jüngst den Pariser Grand Palais zu einem riesigen Supermarkt umbauen.


Als große Dauerausstellung von Waren und Bedürfnissen bildet der Supermarkt das geheime Zentrum unserer Konsummoderne. Die Obsttische: eine Miniatur paradiesischer Zustände, Trauben und Kiwis, Weinbergpfirsiche und Flugmangos – hier gibt es keine Automaten, an denen der Kunde selbst Produkte über den Scanner ziehen muss, hier gibt es sie noch, die Wärme, mit der Kassiererinnen beim Öffnen einer zweiten Kasse rufen: "Kommen Sie auch zu mir, bitte."

Wie oft sind die Deutschen wegen ihrer Discount-Mentalität als genussfeindlich abgestempelt worden. Dabei pflegen sie ein liebevoll-fachsimpelndes Verhältnis zu ihren Ladenketten: Bei Aldi gibt es guten Wein, bei Lidl jetzt auch frisches Brot. Netto ist immerhin sauber. Und, gut, bei Penny, da wird halt mancher depressiv.

Ob es die, der oder das Rewe heißt, wird sich zwar nie klären lassen. Pedanterie verträgt sich aber ohnehin nicht mit dem neuen Kundenglück. Der Edeka-Song ist Anfeuerung und Selbstberuhigung zugleich: Was immer du kaufst, es ist völlig in Ordnung. Kein schlechtes Gewissen wegen Fertigpizza oder deshalb, zum faulen Durchschnitt zu gehören, der gar nicht so genau wissen will, woher der Tiefkühlfisch ("Sehr geiler Dorsch übrigens") kommt. Nein, es ist kein kritischer Kunde, der hier euphorisch durch die Regalreihen tanzt. Es ist der ganz normale Mensch. Im Warenparadies.