In einem mecklenburgischen Nest notierte eine einsam nachsinnende Frau am 27. April 1981 in ihr Metelner Tagebuch: "Schreiben ist auch ein Versuch gegen die Kälte", was später in der Dritten Vorlesung zu ihrem Buch Kassandra aufgehoben wurde. Christa Wolf war auf dem Weg zur Weltautorin. Die Tücke der politischen Geschichte Deutschlands brachte es aber mit sich, dass das Buch, um das im Aufbau-Verlag und in der Druckgenehmigungsbehörde lange gerungen wurde, zuerst in gekürzter Fassung erschien. 36 Zeilen mussten ausgespart bleiben, die der Zensurbehörde und ihrer Obrigkeit nicht ins ideologische Konzept passten. Aufrüstung konnte angeklagt werden, aber nur auf der anderen Seite ...

Es war der Augenblick, in dem ich eintauchte in den Brodelkessel der Meinungen, die in Büchern des Aufbau-Verlags durcheinandergerührt wurden und als Literatur die Öffentlichkeit herstellen mussten, die in den gleichgeschalteten Tageszeitungen nicht zu gewährleisten war.

Der Anfang als Aufbau-Verleger

Als ich in Berlin angekommen war, meinen neuen Schreibtisch eingerichtet, ein paar Graphiken an der Wand angebracht hatte, die meinem Geschmack entsprachen, die erste Leitungssitzung absolviert war und der Fahrstuhl mich schon ein paarmal hochgefahren hatte vom Erdgeschoss in die 2. Etage der Französischen Straße 32 wie vormals Arnold Zweig, Leonhard Frank, Johannes R. Becher oder Halldór Laxness auch, ein hehres Gefühl, wurde ich ins ZK der SED bestellt. Dort versuchte mir die Leiterin der Abteilung Kultur, Frau Ragwitz, durch stramme Sprüche zu imponieren. Sie meinte, dass ich mit meinen "Leipziger Volksreden" (ich wusste nicht, was sie meinte) in Berlin zurückhaltender umgehen müsse, denn ich würde wohl wissen, dass ich nun auf einem Schleudersitz säße ...

Man durfte sich nicht irremachen lassen. Was zählte, war die Verheißung: der Aufbau-Verlag. Der Literaturstrom. Die bald fünfzigjährige Tradition. Das Literaturmuseum. Die Autoren. Ein Weltreich. Eine Kulturinstitution par excellence. Der Suhrkamp des Ostens. Führend im intellektuellen Diskurs der DDR. Ausgreifend nach vielen Richtungen über die Grenzen hinweg. Weltrechte von Autoren wie Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Anna Seghers, Arnold Zweig, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf, Hans Fallada, Ludwig Renn und Egon Erwin Kisch, der Hausverlag von Bertolt Brecht, Thomas Mann, Hermann Hesse im Osten. Gegenwartsautoren, die wie Kometen aufgestiegen waren: Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Hermann Kant, Peter Hacks, Erwin Strittmatter, Namen ohne Ende aus der zeitgenössischen Literaturszene.

Bald merkte ich, dass der Wind mir ins Gesicht blies. Christa Wolf und Christoph Hein wurden von der sozialistischen Presse tabuisiert. Es schien, als seien sie Unpersonen ... Ich weiß nicht, was schließlich dazu beitrug, das alberne Verdikt gegen die beiden Starautoren des Aufbau-Verlages aufzuheben, glaube aber, dass ständige Nachfrage nach den Gründen dieser unsinnigen Verweigerung selbst hartgesottene Zensoren in moralische Existenznot trieb ...

Die DDR-Verleger waren Unternehmer wie Verleger anderswo auch, die Ideen zu Büchern und Bibliotheken bündelten und Geld dafür herausschlugen. Das klassische Modell des Verlegers, der, nach Alfred Döblin, mit einem Auge nach den Autoren, mit dem zweiten nach dem Publikum schaute, das dritte Auge aber unbeirrt ins Portemonnaie blickte, hatte auch in der DDR Gültigkeit ... Die Öffentlichkeitsarbeit, auf das Wohlbefinden der Autoren gerichtet, auf ihre Präsenz beim Publikum, ihr nationales und internationales Renommee, hatte Format. Das hatte damit zu tun, dass viele belletristische Autoren der DDR eine Art moralische Instanz waren, die die gesellschaftlichen Realitäten filterten und aus den Katakomben der Beweihräucherung hoben auf ein kritisches Podest. Die Autoren waren nicht nur Literaten, sie waren öffentliche Arbeiter, Stellvertreter für eine Sache, die in einem demokratisch funktionierenden Staat die Zeitungen erledigten.

Die Nachwendezeit

Das Frühjahr 1991. Durch das Land zogen Karawanen von Glücksrittern. Es wurde besichtigt, was nicht niet- und nagelfest war. Bei Aufbau meldeten sich Leute mit clownesken Ansichten und ohne Verstand ... Eines Tages kehrte ein kleiner bärtiger Mann im Verlag ein, der lange Schatten vorauswarf. Er globetrottete durch die Geschäftswelt und wolle den Aufbau-Verlag kaufen, palaverte er ungezwungen daher. Er hätte reiche Hintermänner und Gönner. Es war Frank Brunner vom Robinson-Verlag in Frankfurt am Main. In DDR-Zeiten hatte er vom Aufbau-Verlag die Lizenzen für die westdeutschen Ausgaben des Franzosen Robert Merle eingekauft ... aber bezahlt hatte er sie nicht. Als mannigfache Mahnungen nichts einbrachten, besuchte ich ihn in seinem Frankfurter Büro. Ich setzte mich vor seinen Schreibtisch und sagte, ich würde nicht eher wieder aufstehen, bis ich unser Geld in der Tasche hätte. Er meinte, ich sei ein Barbar und wäre im Unrecht. Er hätte die Außenstände längst überwiesen. Er wolle mir sofort die Belege zeigen. Er müsse nur in seine Buchhaltung stürzen, um meinen Beschaffungseifer zufriedenzustellen. Fort war er. Ich saß und wartete. Die Zeit verging und verging. Der "noble" Mann kam nicht wieder zum Vorschein. Ich fragte seine Sekretärin, was mit dem Verleger los sei, er sei in die Buchhaltung gestürzt, um Belege heranzuschaffen. Die Sekretärin sagte, sie hätten hier gar keine Buchhaltung. Aufbau musste sein Geld auf dem Klagewege eintreiben.