Von außen mag es wirken wie ein gewöhnliches Reihenhaus; aber sobald man die Wohnung der Fabers in Baalsdorf betritt, am schon recht ländlichen Rand Leipzigs, da merkt man, dass diese vier Stockwerke in Wahrheit ein gewaltiger Bücherturm sind. Vom Keller bis zum Studio im Dachgeschoss: kostbare Editionen, mit großer Ordnung einsortiert, dazwischen Kunstwerke, Bilder, Grafiken, viele davon mit Widmung des Künstlers an die Eheleute.

Ja, der Eindruck von Ordnung beherrscht dieses freundliche Gehäuse. In den Regalen und angesichts des riesigen Karteikastens, den Elmar Faber immer noch benutzt (denn auf die Tücken der modernen Datenverarbeitung mag er sich nicht einlassen). Anders wäre es wohl kaum möglich, den Ertrag von so vielen Jahrzehnten der unglaublichsten Aktivität parat und sichtbar zu halten. Elmar Faber, der große Verleger des Ostens, wird bald 80 Jahre alt. Und nicht allzu viel später feiert er diamantene Hochzeit mit seiner Frau Renate. Ja, in der alten DDR heiratete man eben früh.

Faber begrüßt den Gast in Hausjacke, zum Zeichen, dass er sich nunmehr, nach rund einem halben Jahrhundert im Verlagswesen, nun doch zur Ruhe gesetzt hat; aber dazu trägt er eine Krawatte, die zu erkennen gibt, dass man diesen Ruhestand bitte mit gewissen Einschränkungen verstehen möge. Schlohweiß ist er, aber rüstig, diszipliniert. Alles an ihm sagt: Ich bin ein Mann, der mit Wohlgefallen auf sein Lebenswerk zurückblickt. Und deshalb war wohl jetzt der richtige Zeitpunkt für ihn gekommen, eine Autobiografie vorzulegen. Sie heißt Verloren im Paradies – ein Verlegerleben und erscheint – natürlich – zur Leipziger Buchmesse. Und ist sehr viel mehr als nur eine persönliche Angelegenheit: der Bericht nämlich über eine lange geistige und politische Epoche, in der ein Einzelner, der "Ich" sagt, eine Schlüsselrolle hat spielen können. Das Buch liegt – wo sonst? – im Aufbau-Verlag vor, den Faber so lange geleitet hat. Aufbau: Der Name sagt eigentlich alles. Gegründet in der jungen DDR, um ein Zeichen zu setzen gegen die bürgerlichen Traditionen des Verlagswesens West.

Faber bittet zum Tisch.

Der Besucher wird sehr liebenswürdig empfangen, Frau Faber bringt Gebäck und Kaffee. Das Vertrauen muss der Gast sich allerdings erst nach und nach erwerben. Denn obwohl er, der Gast und Journalist, seinerseits bereits seit rund zwei Jahrzehnten in Sachsen ansässig ist, stammt er ursprünglich aus dem westlichen Teil Deutschlands. Und mit dem hat Elmar Faber, speziell um das Jahr 1990, nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Es ist eindeutig besser, dass Elmar Faber erst einmal redet, bevor man anfängt, ihm Fragen zu stellen.

Der Westen zelebriert seit Langem seine Verleger-Heroen. Ernst Rowohlt, Peter Suhrkamp und dessen Nachfolger Siegfried Unseld, Michael Krüger bei Hanser, das sind Figuren, deren prägende Wirkung auf die literarische und intellektuelle Landschaft der Bundesrepublik außer Frage steht und die verdiente Würdigung erlebt hat. Dass es auch in der DDR derartige Persönlichkeiten gab und dass sie unter den besonderen Umständen dieses Landes vielleicht noch härter kämpfen mussten – das hat bisher noch erstaunlich wenig Beachtung gefunden.

Für das geistige Leben seines Landes hat Elmar Faber möglicherweise eine noch wichtigere Rolle gespielt, als es Unseld und Krüger in ihrer Hälfte Deutschlands vermochten: War doch die DDR in einer Weise, wie es sich kaum noch jemand vorstellen kann, ein Land des Buchs. Acht Bücher pro Kopf und Jahr waren hier verkauft worden – das vergleiche man mit den entsprechenden Zahlen des zeitgenössischen Gesamtdeutschlands! In einer Gesellschaft, in der kein kritischer Zeitgenosse etwas darauf gab, was Zeitungen und einheimisches Fernsehen zu sagen hatten, lief die Debatte darüber, welches die drängenden Themen der Gesellschaft waren, ganz über das Buch. "In der DDR war der Autor der schlechthin öffentliche Mensch", sagt Faber. Und hinter ihm stand der Verleger. Wen sonst gab es, dem man getraut hätte?