Es ist zwar recht unwahrscheinlich. Aber sollte es wegen der Krimkrise tatsächlich zu einem Lieferstopp von Öl und Gas aus Russland in die EU kommen, hieße das noch lange nicht, dass russische Energie nicht mehr nach Europa gelangte. Moskau kann auf die Einnahmen aus dem Energieexport nämlich kaum verzichten, es käme deshalb wahrscheinlich zu Dreiecksgeschäften. Denkbar wäre zum Beispiel, dass russisches Öl über den Umweg Türkei nach Europa fände.

Russisches Gas, das bisher ausschließlich per Pipeline nach Europa transportiert wird, ließe sich allerdings nicht einfach auf Schiffe verladen. Sollten die Lieferungen aus Russland tatsächlich ausbleiben, müssten die Europäer sich also andere Bezugsquellen erschließen. Eine Möglichkeit wäre, tiefgekühltes Flüssiggas (LNG) zu importieren. Dafür ist eine spezielle Hafeninfrastruktur nötig, sogenannte Regasifizierungsterminals. Solche Anlagen gibt es bereits in mehreren europäischen Ländern, darunter in Belgien, in den Niederlanden, in Frankreich und in Spanien. Pläne, auch in Wilhelmshaven ein LNG-Terminal zu errichten, liegen seit Jahren auf Eis.

Selbst im schlimmsten Fall, dann nämlich, wenn kurzfristig kein Ersatz für ausbleibendes russisches Öl und Gas beschafft werden kann, gingen in der EU allerdings nicht sofort die Lichter aus. Die Öl importierenden Länder haben Vorräte angelegt; sofern sie der Internationalen Energieagentur (IEA) angehören, sind sie sogar dazu verpflichtet. Der Vorrat muss der Importmenge von mindestens 90 Tagen entsprechen. 20 der 28 EU-Länder sind Mitglied der IEA, darunter auch osteuropäische Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei. Nach Auskunft der Pariser Behörde reichen die Ölvorräte aller europäischen Mitgliedsländer derzeit aus, um sämtliche Importe 128 Tage lang zu ersetzen. Da Russland nur rund ein Drittel der Ölimporte liefert, könnte die EU rechnerisch rund ein Jahr lang auf den Nachschub von dort verzichten.

Auch Erdgas wird in den Mitgliedsländern der EU gehortet. In den Gasspeichern befinden sich momentan knapp 37 Milliarden Kubikmeter, das entspricht etwa einem Drittel der Importe aus Russland. Die Lage ist trotzdem recht komfortabel, weil die Heizsaison sich dem Ende zuneigt.

Wichtig wäre, dass die Gasspeicher vor Beginn des nächsten Winters wieder gut gefüllt sind. Sonst könnte es in europäischen Wohnungen irgendwann ungemütlich werden. Erdgas dient nämlich vor allem zum Heizen. Mit steigender Tendenz werden größere Mengen auch verstromt. 2011 wurden 22 Prozent der elektrischen Energie in der EU aus Erdgas erzeugt, fast genauso viel stammte aus erneuerbaren Energien.

Sollten Benzin, Diesel und Kerosin knapp werden, käme der Verkehr zum Erliegen. Für Kraftstoffe auf Erdölbasis fehlt bisher eine brauchbare Alternative. Bei der Stromerzeugung spielt Erdöl dagegen kaum eine Rolle, seine Bedeutung als Heizenergie nimmt ab.

Auch wenn mit dem schlimmsten Fall kaum zu rechnen ist: Europas Abhängigkeit von Energieimporten bleibt ein Problem. Erdöl und Erdgas decken rund 60 Prozent des Energieverbrauchs. Das Gros davon muss importiert werden. Bei Öl beträgt der Importanteil der EU etwa 86 Prozent, Erdgas wird zu 66 Prozent importiert, Tendenz steigend. Rund ein Drittel der Öl- und Gaseinfuhren stammt aus Russland. Damit ist Russland der wichtigste Energielieferant der EU.