Es wäre für die Europäer so einfach, unabhängiger vom russischen Gas zu werden. Wie und mit welch geringem Aufwand, geht sogar aus einem amtlichen Dokument der EU hervor. Aber die europäischen Staats- und Regierungschefs handeln nicht. Sie streiten. Polens Premier Donald Tusk etwa wirft den Deutschen die Energiewende vor, mit der man – meint Tusk – sogar noch abhängiger vom russischen Gas geworden sei.

Ja, was stimmt denn nun?

Eine Auflösung könnte der EU-Gipfel am kommenden Donnerstag bieten, bei dem es eigentlich um den Klimaschutz und die Verringerung der CO₂-Emissionen gehen sollte. Aber seit dem Ausbruch des Krimkonflikts ist ein zweites, dringendes Thema auf die Tagesordnung gerückt: die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen. Und tatsächlich gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Themen, den die Staats- und Regierungschefs bislang ignorieren: Je mutiger die Europäer beim Klimaschutz werden, desto unabhängiger machen sie sich von Energieimporten, insbesondere von Erdgasimporten.

Europas eigene Erdgasförderung sinkt bis 2030 um rund ein Drittel

Welche Konsequenzen unterschiedliche Beschlüsse über die europäischen Klimaziele hätten, hat die EU-Kommission selbst durchrechnen lassen, in der sogenannten Folgenabschätzung, einer Entscheidungshilfe vor dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs.

Bliebe alles beim Alten, könnten sich die Europäer also nicht auf mehr Klimaschutz einigen, dann müssten sie im Jahr 2030 laut Folgenabschätzung rund fünf Prozent mehr Erdgas importieren als 2010. Das scheint nicht viel zu sein. Europas eigene Erdgasförderung wird aber in den Jahren bis 2030 um rund ein Drittel sinken. Selbst wenn, wie im "Referenzszenario" angenommen, auch der europäische Erdgasverbrauch etwas sinkt, stiege die Importabhängigkeit unterm Strich deutlich an: von 62 Prozent auf 73 Prozent des Verbrauchs.

Wenn die Europäer sich lediglich auf ein neues Klimaschutzziel von minus 40 Prozent (2030 gegenüber 1990) einigten, würde der Erdgasimport laut Folgenabschätzung zwar leicht sinken, nämlich um neun Prozent im Vergleich zu 2010. An der Abhängigkeit vor allem von russischen Lieferungen würde sich aber vermutlich nicht viel ändern.

Nur ein ambitionierteres Klimaschutzziel (minus 45 Prozent bis 2030), dazu eine Zielmarke von 35 Prozent für den Anteil der erneuerbaren Energien und obendrein eine ehrgeizige Energieeffizienzpolitik würden Europa merklich aus seiner prekären Lage bei der Gasversorgung befreien. Die Erdgasimporte würden dann um 28 Prozent schrumpfen; rechnerisch entsprächen die vermiedenen Importe rund drei Viertel der Erdgasmenge, die derzeit aus Russland kommen.

Bisher liegen der europäischen Klima- und Energiepolitik drei Ziele zugrunde. Unter der Regie von Angela Merkel, die damit zur Klimakanzlerin avancierte, einigten sich die Europäer 2007 darauf, den Ausstoß von Treibhausgasen um 20 Prozent zu vermindern, den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent zu erhöhen und den Energieverbrauch gegenüber einer gedachten Referenzentwicklung um 20 Prozent zu senken – jeweils bis zum Jahr 2020. Nun muss entschieden werden, wie es danach weitergeht, zunächst bis 2030.

Unstrittig ist, dass die Ziele und Maßnahmen, auf die sich die Europäer bisher geeinigt haben, ausreichenden Klimaschutz nicht gewährleisten. Bis Mitte des Jahrhunderts werden die Emissionen der EU im Vergleich zu 1990 nach Lage der Dinge um höchstens 44 Prozent sinken; sie müssten aber um mindestens 80 Prozent sinken, soll das international angestrebte Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, noch in Reichweite bleiben. Wenn die Europäer ihren Beitrag dazu leisten wollen, müssen sie ihren Klimaschutz verschärfen – auch um die Chance zu wahren, dass 2015 bei der UN-Klimakonferenz in Paris ein wirksames Klimaschutzabkommen zustandekommt.