Sibylle Lewitscharoff hat sich mit einigen Passagen ihrer Dresdner Rede "den Rock nass gemacht", wie es in einer frühen Reaktion treffend hieß, und zum Teil das geerntet, was sie gesät hat: Abscheu, persönliche Herabwürdigung, Liquidationsprosa. Dieser Vorgang selbst ist strukturell eher langweilig. Unter Schriftstellern sind die vernünftigen, ausgewogenen, ressentimentarmen, also die guten Menschen ebenso selten verteilt wie anderswo – das ist einerseits (Vorbildwirkung, Lautsprechertendenz) bedauerlich, andererseits sind misanthropische und polemische Künstler oft gerade deshalb erfolgreich – als das böse, dennoch gebändigte "Es" der Gesellschaft.

Die von Lewitscharoff verabscheute Reproduktionsmedizin, die den Kinderwunsch unfruchtbarer, mit Erbkrankheiten belasteter sowie gleichgeschlechtlicher Paare erfüllen möchte, wurde bereits von vielen wortreich und emphatisch verteidigt; dem ist nichts hinzuzufügen. Wer nicht anders als mit Gott begründen kann, worin der Unterschied zwischen "normaler" und reproduktiver Medizin, also zwischen Infusion und Insemination, zwischen einer Blut- und einer Samenspende, zwischen einem Bypass, einem künstlichen Hüftgelenk und ärztlicher Hilfe beim Kinderwunsch bestehen soll, hat sich im 21. Jahrhundert intellektuell erledigt.

Interessanter ist, wie sich die Lewitscharoff-Affäre einreiht in eine Serie von Aufregungen, die allesamt einen konstant wunden Punkt im deutschen Diskurs berühren. Dieser Punkt klemmt irgendwo zwischen Meinungsfreiheit und Tugendterror, vermeintlichem wie tatsächlichem, und zwischen Privatsphäre und deren Exhibitionierung, der freiwilligen wie der gewaltsamen. Und alles weist immer rückwärts, auf das drückende Nazi-Erbe, dessen (vermeintlich drohendes) Wiederauferstehen mit allen Mitteln verhindert werden soll, im Notfall auch mit denen der Nazis.

Ein paar Klarstellungen über das Wesen der Meinungsfreiheit scheinen nötig. Natürlich "dürfen", wie alle anderen auch, Sibylle Lewitscharoff, Matthias Matussek, Thilo Sarrazin, Günter Grass als Lyriker und wie sie alle heißen ihre Meinungen im gesetzlich definierten Rahmen (keine üble Nachrede, keine Volksverhetzung, keine Auschwitzlüge) kundtun, ohne daran gehindert, dafür verprügelt oder verhaftet zu werden.

Das heißt aber noch lange nicht, dass der Rest der Gesellschaft verpflichtet ist, ihnen dafür, gar für ihren "Mut" zu applaudieren. Bezeichnenderweise folgt die hohle Phrase "Darf man denn nicht einmal mehr sagen …" ja immer einer massiven Provokation auf dem Fuße, und zwar verlässlich vom Provokateur selbst. So auch im Fall Lewitscharoff. Detonation des Skandals am Donnerstag, Schlagzeile am Freitag: Darf ich nicht sagen, was ich denke?

Doch, doch, Sie dürfen. Sagen Sie nur, denken Sie nur laut. Man darf "Halbwesen" sagen und "Kopftuchmädchen", man darf behaupten, dass "mangelnde Begeisterung" für Homosexualität bereits als Schwulenhass gelte und dass Israel den Iran ausrotten wolle und nicht umgekehrt. Man möge dann nur bitte genauso frank und frei die Konsequenzen tragen: Widerrede, Gegenargumente, Entrüstung. Vermutlich werden die Einladungen zu Sonntagsreden vorübergehend abnehmen, horribile dictu sogar die Literaturpreise. Aber heftige Reaktionen als Beschneidung der Meinungsfreiheit auszugeben – das ist so dumm wie infam. Es bedeutet ja, sie exklusiv zu beanspruchen, indem die eigene, provokante Meinung absolut gesetzt, die der anderen aber als "Tugendterror" unterdrückt werden soll. Und wenn einer, lieber Harald Martenstein, anfängt und "abartig" sagt, dann kann es schon mal passieren, dass ein anderer "faschistoid" antwortet. Das nennt man den Eifer des Gefechts.

Gemessen an dem, was in letzter Zeit alles geäußert wurde, steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland gar nicht schlecht. Denn es ist so banal wie wahr, dass sie sich erst dort beweist, wo es wehtut. Daher ist es erlaubt, vor Auftritten von Thilo Sarrazin zu demonstrieren, aber verboten, diese Auftritte gewaltsam zu verhindern. Man kann es bedauerlich finden, dass der Staat zur Durchsetzung von Sarrazins Redefreiheit die Polizei schicken muss, aber es ist unbedingt notwendig. Wer das bestreitet (weil er Sarrazins Thesen in die Nähe der Nazis rückt), begibt sich selbst in die Nähe der RAF. Die haben sich auch hoch im moralischen Sattel gefühlt und dafür Gewalt, ja Mord "in Kauf genommen".

Es ist gar nicht so schwer: Hanebüchene, selbst aggressive und kränkende Meinungen müssen wir hinnehmen, Gewalt und Redeverbote müssen wir verhindern. Rückwirkend aberkannte Preise zählen logischerweise zur Gewalt, wären blanker Tugendterror, abgesehen davon, dass Literaturpreise dann in Zukunft wirklich nur noch post mortem vergeben werden könnten. Aber noch einmal: Solange niemand aberkennt, sondern nur vereinzelt Forderungen danach laut werden, kann man solchen Unsinn als Diskursgeräusch abtun.

Wir könnten uns also entspannen, vertrauen auf die demokratische Reife dieses Landes und darauf, dass sich solche Affären von selbst regeln. Analogien aus dem Kindergarten mögen helfen: Ein Kind, das dauernd zwickt und spuckt, wird von den anderen ausgeschlossen. Also wird es sein Verhalten anpassen, so gut es eben kann. Denn Kinder sind ebenso gnadenlos wie großzügig: Sie nehmen sehr genau wahr, wenn sich ein Zwangsspucker und -zwicker redlich bemüht und geben ihm nur noch dann auf die Nase, wenn er zurück in die schlechten Gewohnheiten verfällt.

Anders als die kleine Kindergruppe ist die große deutsche Gesellschaft viel unübersichtlicher und deshalb noch flexibler. Es gibt Teilmengen, die schätzen gerade die Zwangsspucker. Anders wäre gar nicht zu erklären, dass Matthias Matussek immer noch als Journalist arbeiten kann. Und so wird auch Sibylle Lewitscharoff, wie Thilo Sarrazin, weiterhin Bücher schreiben und veröffentlichen, sie wird Leser verlieren und andere gerade wegen ihrer Äußerungen dazugewinnen. Von "mundtot", bitte schön, gar keine Rede.