Wenn hier der Erzähler sagt, dass er Fight Club schon "zu oft" gesehen habe, kann man diesen Hinweis nicht ernst genug nehmen. Weil es in beiden Geschichten, in Fabian Hischmanns Roman Am Ende schmeißen wir mit Gold und in dem Film von 1999 mit Edward Norton und Brad Pitt, um Persönlichkeitsspaltung geht, wobei sich ein fieser, gefährlicher Teil von einem lieben, schlaffen Jungen selbstständig macht. Und weil Fight Club die ultimative Erzählung über männliche Identität für die nuller Jahre war. Diese wird, so sieht es auch bei Hischmann aus, offenbar genau dann zum Kampfschauplatz, wenn Mama und Papa weg sind.

Im entsprechenden Dialog in Fight Club sagt Ego: "Ich kenne meinen Dad nicht. Als ich sechs war, ist er verschwunden, hat eine andere Frau geheiratet und noch ein paar Kinder gemacht. Er macht das alle sechs Jahre. Er geht in eine neue Stadt und gründet eine neue Familie." Alter-Ego antwortet: "Der Penner macht Filialen auf." Einmal im Jahr gibt es ein Ferngespräch von Vater und Sohn: "Dad, was nun?" Die üblichen Antworten: Such dir einen Job, heirate. Darauf Ego: "Ich kann unmöglich heiraten. Ich bin ein dreißigjähriges Milchgesicht." Alter-Ego: "Wir sind eine Generation von Männern, die von Frauen großgezogen worden sind. Ich frag mich, ob noch eine Frau wirklich die Antwort auf unsere Fragen ist." Max Flieger, die Hauptfigur in Hischmanns Buch, wird dagegen am Anfang von seinem Vater angerufen, er möge heimkommen, ins Einfamilienhaus in der südwestdeutschen Provinz, den Hund hüten, weil die Eltern in Urlaub fahren. Der Vater ist natürlich wortkarg, die Mutter fürsorglich: "In ihren Augen bin ich immer zu dünn."

Flieger, ein Lehrer in Sommerferien, der auf der ersten Romanseite auf dem Sofa sitzt, Tierfilme schaut und seinen Schwanz "zwirbelt", rutscht erwartungsgemäß mühelos zurück in den Schoß der elterlichen Bequemlichkeiten: elektrische Jalousien, Vanillewunderbäume am Rückspiegel eines Golf, Sommergeräusche vom nahen Wald und genug Kindheitserinnerungen, um das Cocooning daheim aufregend zu machen.

Gerade entwickelt sich die Versöhnung mit einer Exfreundin und einem alten Rivalen etwas hochsommerlich schwitzig zur Frage nach der eigenen sexuellen Orientierung, da kommen Max Fliegers Eltern in Griechenland ums Leben. Das Ausstreichen der Position der Eltern, man ahnte es schon in Fight Club, bedeutet, dass das Problem der Identität jetzt mit dem eigenen Ich ausgefochten werden muss. Ein Vorgang, der zum Erwachsenwerden führen kann. Nun bekommt genau an dieser Stelle des Romans Max’ identitärer Schatten einen Namen: Einen Jungen, den er bei einem Aufenthalt in New York bei einer Gewalttat beobachtet hat und dessen Bild ihn seitdem verfolgt, nennt er jetzt Patrick. Dann reist Max nach Kreta, um die Asche seiner Eltern zu überführen, wobei er auf Hannah trifft, die mit seinen Eltern in deren Jugend ein Dreier-Verhältnis hatte: " ›Moment, du meinst, ihr habt ...?‹ Sie nickt und schüttelt den Kopf und lacht und hört auf zu lachen. Ich erröte. Posthum machen meine Eltern mich zum verklemmten Waisenkind."

Geht es hier um eine Generation von Männern, deren Eltern solche unkonventionellen Beziehungsformen längst durchgemacht hatten, um sie dann doch in bürgerlichen Kleinstadtexistenzen enden zu lassen? Jedenfalls scheinen diese Männer zu überlegen, welche Art von Liebe wirklich die Antwort auf ihre Fragen ist. Hischmann gesellt zu seiner Hauptfigur, deren Begehren zwischen den Geschlechtern hin und her geht, eine Reihe männlicher Parallelfiguren: den distinguierten schwulen Freund, den Konkurrenten, der beim Holzhacken seine Wunden zeigt, einen zehn Jahre jüngeren Burschen, der gut sein kleiner Bruder hätte sein können, und natürlich den gespenstischen Kleinkriminellen aus New York. Mädchen gibt es auch, die mütterlich-ökige alte Liebe Maria und eine heiß-schlampige New Yorker Schriftstellerin – wobei diese Heilige/Hure-Nummer so alt ist, dass man kein Wort mehr darüber verlieren möchte. Es gibt hier also ein Geflecht aus psychologisch und literarisch nicht ganz unverbrauchten Motiven, durch das sich Hischmann dermaßen glatt und clever durcherzählt, dass seine Routiniertheit auch auf den Plot übergreift. Man zweifelt nie daran, dass sich alles gut fügen und das coming of age gelingen wird.

Von dieser Zeitung ging kürzlich eine Debatte aus (ZEIT Nr. 4/14), in der Florian Kessler die These aufstellte, die Ausbildung von vornehmlich Bildungsbürgerkindern in den akademischen Schreibschulen von Hildesheim und Leipzig bringe eine in der Logik des Literaturbetriebs zwar hochprofessionelle, aber brave, fade Literatur hervor. Fabian Hischmann hat an beiden Schulen studiert, und sein Debütroman, der indes bereits für den Leipziger Buchpreis nominiert ist, kann als Belegexemplar zur These gelten.