Für manche Menschen liegt das Leben da wie ein frisch gebügelter Anzug, in den sie nur noch hineinschlüpfen müssen. Alfred Oetker würde eines Tages seinem Bruder August als Chef des Familienkonzerns nachfolgen, das schien schon festzustehen, als er noch studierte. "Es ist seine Hoffnung und meine Vorstellung, dass er mein Nachfolger wird", verkündete August Oetker.

Das war vor mehr als zwanzig Jahren. Heute sind die Halbbrüder Gegner in einer Auseinandersetzung unter den Gesellschaftern des traditionsreichen Familienkonzerns. Die alte Eintracht ist passé, der Ton ist kühl geworden. "Bei uns gilt, dass keiner den Anspruch erheben kann, im Unternehmen zu arbeiten, nur weil er zur Familie gehört", sagte der 69-jährige August Oetker jüngst in einem ZEIT-Interview. Dass der nächste Konzernchef wieder aus der Familie kommen werde, sei keineswegs sicher: "Das muss nicht sein."

Deutschlands bekannteste Wirtschaftsdynastie hat sich zerstritten. Es geht um die Führungsfrage und um die Struktur eines der größten deutschen Privatvermögen, dessen Wert mit 7,5 Milliarden Euro konservativ geschätzt ist. Es ist ein Kampf um Macht und um Ansehen, bei dem Eitelkeiten und Verletzungen eine Rolle spielen, aber auch die Sorge um die Zukunft einer ungewöhnlichen Unternehmensgruppe, die auf vielen Feldern tätig ist und in der 26.000 Menschen arbeiten. Dabei macht ein hartes Wort die Runde, das die Öffentlichkeit aufschreckt und den Mitarbeitern Angst einflößt – Zerschlagung.

Alfred Oetker, 46 Jahre alt, hat bislang nicht über den Konflikt gesprochen. Aber wie er über die Probleme denkt, mit denen es Familienunternehmen zu tun haben, kann man in der Dissertation nachlesen, mit der er 1999 zum Dr. Oetker wurde. Die Arbeit trägt den Titel Stakeholderkonflikte in Familienkonzernen. Oetker beackert darin all die Felder, auf denen es zu Konflikten und Krisen kommen kann: Wie viel Gewinn wird ausgeschüttet? Sollen Familienmitglieder die Führung in der Firma haben, oder sind angestellte Manager dafür besser geeignet? Was geschieht, wenn einer aus der Familie verkaufen will? Und: Wie gelingt der Übergang von einer Generation zur nächsten?

Die Familienzweige prozessieren vor einem privaten Schiedsgericht

Oetker sieht einen Antagonismus wirken: "Die Triebkräfte, die das Verhalten in Familie und Unternehmen steuern, sind nicht nur unterschiedlich, sondern prinzipiell gegensätzlich. Während ein gesunder Wettbewerb im Unternehmen angestrebt wird, ist man innerhalb der Familie vielmehr bemüht, die Einigkeit und Harmonie zu erhalten."

In der Praxis kracht es bei den Oetkers stark. So groß wurden die Konflikte, dass die Familie sie nicht mehr ohne fremde Hilfe lösen konnte. Wie das manager magazin enthüllte, läuft seit drei Jahren ein Schiedsgerichtsverfahren, ein privater Prozess, der geheim bleiben sollte. Die Parteien haben sich untereinander verpflichtet, nicht öffentlich darüber zu sprechen.

Als Schiedsrichter wirken Topjuristen: der frühere Präsident des Bundesgerichtshof Karlmann Geiß und die Rechtsgelehrten Klaus Hopt und Peter Hommelhoff. Der Streit dreht sich um die Strategie und die Verfassung der Unternehmensgruppe, aber auch Animositäten entfalten ihre Wirkung. Die traditionsreiche Wirtschaftsdynastie ist mit einer gewissen Verzögerung in einen Umbruch geraten, der in ihrer ungewöhnlichen Erbfolge angelegt war. Bis zu seinem Tod 2007 war Rudolf-August Oetker das Oberhaupt des Bielefelder Industriellenclans. Der Patriarch, der 90 Jahre alt wurde, war in seinem Leben dreimal verheiratet. Aus allen Ehen gibt es Nachkommen. Die älteste Tochter ist die 1940 geborene Rosely Schweizer aus einer Ehe Oetkers mit der Tochter der Rendsburger Stahlindustriellen Käte Ahlmann. Aus der zweiten Ehe gibt es vier Nachkommen: August, Christian und Richard Oetker sowie ihre Schwester Bergit Gräfin Douglas, Ehefrau des Kunstmaklers Christoph Graf Douglas. Während der dritten Ehe wurden Alfred, Ferdinand und Julia Oetker geboren. Der Altersunterschied zwischen der ältesten und der jüngsten Tochter beträgt fast 40 Jahre.