Was ist mit Isabel los? Die junge Frau, arbeitslose Schauspielerin oder auch nur Model ohne Engagement, man erfährt es nicht genau, lebt das Leben einer Obdachlosen, obwohl sie eine Wohnung hat, geht zur Armenspeisung, obwohl sie sich Essen auch kaufen könnte, besorgt sich Kleider aus der Kleiderkammer, die sie nicht braucht, sondern weiterverschenkt. Durch Berlin zieht sie auf Pfaden der Penner, deren Freundin sie ist oder sich zu sein einbildet, sie pflegt den vertrauten Umgang mit Straßenmädchen und verdingt sich ihrerseits als bezahlte Voyeurin bei den Sexspielen eines bürgerlichen Ehepaars. Sie erniedrigt sich ohne Not, sie hat die Rolle einer Ausgestoßenen frei gewählt und für sich passend gefunden. Genießt sie das?

Sie genießt es nicht. Sie ist voller Hass. Sie springt jedem ins Gesicht, der ihr gegenüber freundlich ist. Oder vielleicht genießt sie ihre Paria-Existenz, aber auf einer höheren Ebene, nämlich als passenden Ausdruck ihres Hasses. Denn so viel steht auch in diesem wortkarg wütenden, mit Erklärungen mehr als geizenden Roman fest: Der Hass war zuerst da, dann wurde das erbärmliche Leben von der Heldin dazugewählt. Vielleicht als nachgelieferter Grund, mit dem sie sich selbst ihren Gemütszustand plausibel machen will?

Es ist nicht das erste Mal, dass Feridun Zaimoglu aus der Perspektive einer weiblichen Hauptfigur erzählt. Leyla (2006) schilderte die Geschichte einer jungen Türkin, die sich aus den erdrückend autoritären Familien- und Gewaltverhältnissen ihrer Heimat langsam ans Licht der Freiheit kämpft, auf dem Wege der Emigration nach Deutschland. Mit der Ankunft auf dem Münchner Hauptbahnhof ist für sie und ihre Mutter der erste Schritt einer Emanzipation gemacht. Bei Isabel ist alles umgekehrt. Sie ist bei modernen, aufgeklärten Eltern in der Türkei aufgewachsen und hat in Deutschland Elend und Erniedrigung kennengelernt, wahrscheinlich sogar gesucht. Eine Emanzipation in der entgegengesetzten Richtung, aber warum?

Den einzigen, auch nur als Auslöser denkbaren Grund erwähnt der Roman recht schnell und obenhin gleich zu Beginn: Isabel ist von ihrem Lebensgefährten nach drei Jahren verlassen worden. Nicht schön. Andererseits wird gesagt, dass die Liebe beidseitig erloschen war. Nur eine Schutzbehauptung der in Wahrheit tief Getroffenen? Der Roman hat hier einen blinden Fleck, der den Leser, je tiefer sich die Heldin im Fortgang ihrem Unglück hingibt, desto stärker irritiert und beunruhigt. Andererseits hat der Autor so nachdrücklich und umsichtig die Gewichte seiner Erzählung zuungunsten einer realistisch-psychologischen Motivlage verschoben, dass man nicht umhinkommt, gerade hier, im blinden Fleck, im nicht durch Liebe und Liebesverrat hinreichend Erklärbaren, den Glutkern des Romans zu vermuten.

Jedenfalls ist erstaunlich, wie genau das Schicksal der Türkin Isabel das Schicksal der Türkin Leyla umdreht. Einmal reist Isabel, schon mitten in ihrem entgleisten Berliner Streunerleben, zu ihren Eltern in der Türkei, um dort, wer weiß, einen Ehemann angeboten zu bekommen, mit dem sie Ruhe und Frieden findet. Natürlich umsonst; sie beißt in bewährtem Hass jeden Bewerber weg. Aber man muss sich die Situation, in ihrer krassen Verkehrung der Klischees, vor Augen führen: Die Migrantin kommt aus deutscher Asozialität, in Istanbul findet sie behütete Bürgerlichkeit. Der Vater sanft, die Mutter emanzipiert, berufstätig, intellektuell. Sie können über alles sprechen, die Eltern wollen über alles sprechen, sie legen die Tochter versuchsweise auf die Couch, wenngleich natürlich vergeblich. Sie nehmen ihr nicht einmal übel, dass sie die handverlesenen Heiratskandidaten vergrault.

Aber was haben ihr die türkischen Männer angetan? Nichts, gar nichts, sie haben ihr nicht einmal die krasse Unhöflichkeit verübelt. Der Leser ringt wieder die Hände. Was treibt das Mädchen Isabel von all den menschenfreundlichen Möglichkeiten, die ihre Heimat bietet, weg und zurück in den Berliner Sumpf? Aber der Roman Isabel ist auch darin ein Gegenstück zu Leyla, dass er um keinen Preis psychologisieren will. Während Leyla mit einem Höchstmaß an Plausibilität und Anschaulichkeit direkt aus dem Innern der Heldin erzählt war, verhindert hier schon die Sprache jede Einfühlung. Es ist die künstlich verknappte Sprache des Expressionismus. Mit Isabel sind wir nur topografisch in der Berliner Gegenwart, atmosphärisch sind wir um hundert Jahre zurück in der dampfenden, selbst in der Sentenz noch ekstatisch erhitzten Ausdruckswelt des jungen Brecht, bei Ernst Toller, Georg Kaiser und in der brachialen Verkürzung bei Carl Sternheim. Das ist eine erstaunliche, aber nicht willkürliche Stilwahl. Isabel ist direkt aus der aufgewühlten Seele, mit einer in den Wogen nach Luft schnappenden Stimme kurz vor dem Ertrinken geschrieben.

Man sollte den Umstand, dass ausgerechnet ein Autor mit ebenfalls türkischem Migrationshintergrund diesen gründlich vergessenen, deutschesten aller deutschen Literaturstile wiedergefunden hat, nicht zu schnell übergehen. Feridun Zaimoglu kann, was kein Autor seiner Generation kann. Er verfügt über das ganze Arsenal der deutschen Literatur, er kann sich bedienen, wo es ihm geboten scheint, er hat bereits, ganz zu Beginn seiner Karriere, sich die Ausdrucksweise des 18. Jahrhunderts, des empfindsamen Briefromans, anverwandelt. Maxim Biller war im Unrecht, als er jüngst über die angepasste Normaltonlage der deutschen Migrantenautoren klagte und dabei unklug Zaimoglu mit erwähnte. Zaimoglu kommt an die Ränder der Gesellschaft ebenso wie in entfernteste Sprachregionen.