Man kann nicht ernsthaft behaupten, dass das männliche Hinterteil in der Öffentlichkeit hinreichend berücksichtigt würde. Bestes Indiz dafür: die Männer-Kolumne der Kollegin M., regelmäßig auf dieser Seite zu finden und ein dem ZEIT-Feuilleton aus guten Gründen implantierter Seismograf für alles Andrologische und dessen drängende gesellschaftspolitische Relevanz.

Mao-Kittel für alle, Globuli auch, das Y-Chromosom als solches, Gabeln (Gabeln?) im Gemächt – der lieben, hochgeschätzten M. ist nichts Maskulines fremd. Bis auf das erwähnte Teil, den Hintern, wahlweise Podex, Allerwertester oder vulgärumgangssprachlich Arsch genannt. Der kommt auch bei ihr kaum vor (siehe unten). So wie, Hand aufs, äh, Herz, in der gesamten Kulturgeschichte nicht. Michelangelo teilt mit den meisten Plastiken der Antike zwar die Vorliebe für kleine männliche Knackärsche (und noch kleinere Penisse), doch nach ihm, wenn es denn weder Sumoringer sein sollen noch die ekligen Flagellanten in Pasolinis 120 Tagen von Sodom, tat und tut sich wenig.

Wie überreich hingegen wird der weibliche Po geehrt! Hexameterstrophen schmiegen sich in seine Falte(n), die Anakreontik wurde quasi seinetwegen erfunden, und die bildende Kunst quillt über: von Courbet bis Hockney, von der Venus von Milo bis zu den Cellulite-Fantasien eines Rubens, von Botticelli bis zu Niki de Saint Phalle und ihren Nanas. Ganze Forschungszweige weiden sich an der Differenz zwischen der "Kallipygie", der Lehre vom schönen Hintern (Form), und der "Steatopygie", der Lehre, nun ja, vom dicken Hintern oder Fettsteiß (Inhalt).

Allerdings geben ExpertInnen in Sachen "Gesäßerotik" längst zu bedenken, dass die beiden kräftigen Muskeln, die den menschlichen Hintern bilden, Frauen wie Männern physiologisch das Gleiche ermöglichen: den aufrechten Gang nämlich. Selbst wenn dieser beim weiblichen Geschlecht, des vorne angebrachten Busens wegen, in der Regel deutlich protziger wirkt, sollten wir den GesäßerotikerInnen Gehör schenken. Männer sind nicht blöder als Frauen. Und, wenn sie mal nackt sind, nicht weniger nackt. "War das Til Schweigers eigener Po?", fragte die Bild-Zeitung nach dem Tatort am Sonntag und lichtete Kommissar Tschiller beischlafend ab, von hinten, unter ihm nichts als die süße Staatsanwältin Hanna Lennerts alias Edita Malovčić mit den "großen Brüsten". Schweigers Antwort: "Ja, ist meiner!" Ein kleines Wort für Deutschlands sexiest Fünfzigjährigen alive, ein großes für alle Freunde des Freikörperkults.

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