Das Bier ist warm, doch die Herrschaften aus dem Nahen Osten haben größere Sorgen. In der Lobby des Hotels Burg Schlaining sind zwei Dutzend syrische Oppositionelle eingetroffen: Sie sollen im nahen Konferenzzentrum ein Wochenende lang über Auswege aus dem blutigen Konflikt in ihrem Heimatland diskutieren. Die Gruppe besteht aus sunnitischen und schiitischen Muslimen, aus Christen, Alewiten, Drusen, Kurden und Säkularen. Die Barkeeper hatten gläubige Muslime erwartet und deshalb kein Bier eingekühlt. In ihrer Not schütten sie nun Eiswürfel in die Gläser. Ein Durcheinander aus Arabisch, Englisch und Deutsch erfüllt den Raum.

Bis vor wenigen Stunden stand die Konferenz in der 2000-Seelen-Gemeinde Stadtschlaining im Südburgenland auf der Kippe. Einige Gäste mussten vergangene Woche an der Grenze zum Libanon kehrtmachen und durften nicht ausreisen. Die Vertreter des Assad-Regimes hatten im letzten Moment abgesagt. Das schmälert die Bedeutung des Treffens, der beinahe heiteren Stimmung tut es aber keinen Abbruch. Nach Jahren des blutigen Bürgerkriegs treffen sich alte Bekannte und Mitstreiter in der österreichischen Provinz.

Die mittelalterliche Burg Schlaining, eineinhalb Autostunden südlich von Wien, gilt als Mittelpunkt der Friedensbewegung in Österreich. Alljährlich kommen am Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktforschung (ÖFSK) Experten zu Konferenzen und Workshops zusammen. Das Zentrum blieb hierzulande bisher weitgehend unter der Wahrnehmungsschwelle. Für das Dorf ist es ein Wirtschaftsfaktor. Die Vereinten Nationen lassen hier zivile Peacekeeper ausbilden. Mit Unterstützung des Landes wurde die Burg renoviert, ein alter Vierkanthof in ein Vier-Sterne-Hotel umgewandelt und ein Studentenheim errichtet. Die Syrienkonferenz sollte der langen Geschichte der Friedenspolitik in Stadtschlaining ein Kapitel hinzufügen. Doch dann holte die Weltpolitik die Veranstalter ein.

"Was ist denn da los auf der Burg, lauter Polizeiautos", sagt ein Mittfünfziger im Wirtshaus im Ortskern. "Irgendwas mit Syrien", sagt ein anderer, während Gregor Schlierenzauer im Fernsehen von der Sprungschanze abhebt. Daneben sitzt Werner Glösl, der Tourismusbeauftragte. "Zu Beginn wussten die Leute mit einem Friedenszentrum nicht viel anzufangen", sagt er. 1990 wurde ein Masterlehrgang für Konfliktforschung eingerichtet. Jetzt leben ständig 40 Studenten aus aller Welt in diesem entlegenen Winkel des Burgenlands. "Das war natürlich ungewöhnlich, aber die Einheimischen haben sich schnell daran gewöhnt und die Studenten voll integriert."

Über die Grenzen Österreichs hinaus ist Stadtschlaining ein Begriff geworden. Deshalb haben auch die Organisatoren der Konferenz die Gemeinde als Austragungsort für ihre Friedensgespräche auserkoren und sich in der Burg eingemietet. "Wir haben uns für die Burg Schlaining entschieden, weil der Ort eine große Tradition hat und immer wieder Friedensprozesse begleitet hat", sagt der Aktivist und Journalist Leo Gabriel. Als Mitglied der Plattform Peace in Syria ist er federführend an der Organisation beteiligt. Zu den Unterstützern zählt die Prominenz der globalisierungskritischen Szene, vom Schweizer Autor Jean Ziegler bis zu Vangelis Pissias, dem umstrittenen Mitorganisator der Gaza-Hilfsflottille, die 2010 die israelische Seeblockade der Hochburg von Hamas durchbrechen wollte. Bei der Erstürmung eines Schiffes kamen neun Aktivisten ums Leben.

Es könne keinen militärischen Sieger im syrischen Bürgerkrieg geben, lautet die Prämisse der Konferenz. Doch wenn zivile Vertreter aus allen Gesellschaftsschichten zusammenkämen, könne immerhin ein Schritt in die richtige Richtung getan werden. Ursprünglich standen etwa 50 Teilnehmer auf der Einladungsliste. Gekommen ist die Hälfte, darunter Universitätsprofessoren, Ex-Minister, Künstler, Geistliche, Vertreter der Muslimbrüder, der kurdischen Minderheit und syrischer NGOs. "Wir haben nie behauptet, dass wir eine Lösung finden werden. Aber wir könnten eine Botschaft nach Syrien senden", sagt der syrische Theologe und Mitorganisator Waseem Haddad von der Universität Wien.

Die Republik Österreich zeigte sich der Konferenz gegenüber zurückhaltend. Finanziell beteiligten sich am Gesamtbudget von 68.000 Euro neben kirchlichen Organisationen wie der Caritas oder der Dreikönigsaktion auch eine norwegische NGO. "Der österreichische Staat hat es abgelehnt, eine Teilfinanzierung zu übernehmen", sagt Leo Gabriel. Keinen Kommentar will der Sprecher des Außenministeriums, Martin Weiss, dazu abgeben: "Wir wissen grundsätzlich gar nichts von der Konferenz. Die Genfer Gespräche sind die richtige Basis für Verhandlungen."