Es war eine bezeichnende Szene im großen Drama, das sich zurzeit auf der Pariser Bühne zuträgt: Zwei elegante Überfliegerinnen stritten an diesem Montag im französischen Fernsehen um Deutungsmacht und Ehre. Ein deutsches Publikum wäre schon wegen der Besetzung begeistert gewesen, denn solche Frauen fehlen der Berliner Politik: Die eine, Christiane Taubira, links, kämpfte früher im Untergrund für die Unabhängigkeit ihrer Heimat Französisch-Guayana; heute hat sie sich als Pariser Justizministerin mit der Verabschiedung des umstrittenen Gesetzes zur Einführung der Homoehe für viele Franzosen einen Heldenstatus erstritten. Die andere, Rama Yade, rechts, im Senegal als Muslimin aufgewachsen, mit einem Juden verheiratet, diente dem einstigen Präsidenten Nicolas Sarkozy als Staatssekretärin für Menschenrechte und war damals eine ganze Weile die Nummer eins in den Umfragen. Beide Frauen sind sprachgewaltig, hochgebildet und telegen. Doch was gaben sie am Montag für ein schlechtes Theater!

Taubira musste den ganzen Abend lang vorgeben, nichts davon gewusst zu haben, dass zwei ihrer Untersuchungsrichter zum ersten Mal in der französischen Justizgeschichte einen ehemaligen Präsidenten abhören lassen – Sarkozy nämlich –, und zwar schon seit elf Monaten. Yade wiederum, die als Einzige in der früheren Regierung regelmäßig dem Präsidenten widersprach und ihm fürchterlich auf die Nerven fiel, betrieb bedingungslose Ehrenrettung für den Ex-Chef.

Genau so verschleißt Frankreich schon seit Jahren seine besten Politiker. Sie müssen sich bis zur Selbstaufgabe einreihen hinter dem Mann im Élysée-Palast oder hinter einem, der dorthin will. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Alphamänner aus der Sicht vieler Franzosen ein beklagenswertes Bild abgeben. Die Präsidentschaft Sarkozys war von Affären belastet. Die Präsidentschaftsambitionen des Sozialisten Dominique Strauss-Kahn scheiterten an seinem Sexualleben. Und der jetzige Präsident François Hollande fällt vor allem dadurch auf, dass er unauffällig ist, ein Strippenzieher, der das offene Wort scheut. Das politische Paris mag noch so aufgeregt sein, er gibt sich phlegmatisch.

Wie in diesen Tagen, als ein Ermittlungsverfahren der Justiz ruchbar wurde: Es soll herausfinden, ob Sarkozy Teile seines Präsidentschaftswahlkampfs im Jahr 2007 aus der Kasse des Mannes bezahlte, den er vier Jahre später mit Kampfflugzeugen stürzen und töten half: Muammar al-Gaddafi. Die Justiz hörte Telefongespräche des Ex-Präsidenten mit seinem Rechtsanwalt ab, Anfang März genehmigte eine von Hollande neu eingesetzte Staatsanwaltschaft für große Finanzverbrechen die Durchsuchung sämtlicher Büros und Wohnungen des Anwalts. Ein bisher nie dagewesener Vorgang. Proteste folgten. Verbände der Rechtsanwälte demonstrierten, in den Medien bliesen die immer noch zahlreichen Anhänger des Ex-Präsidenten zum Gegenangriff. Und Hollande? Gab die Sphinx.

Alle haben begriffen, dass sich jetzt der Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2017 entscheiden könnte. Denn nach Sarkozy ist kein geeigneter Kandidat in den Reihen der Opposition für das höchste Amt aufgetaucht, die Prätendenten zerfleischen einander mit allen Mitteln der Intrige. Also muss Hollande nach wie vor nur Sarkozy fürchten. Der ist dem konservativen Frankreich immer noch lieber als die anderen, trotz seiner Vulgarität. Die trat jetzt wieder zutage, als Mitschnitte von Gesprächen bekannt wurden, die ausgerechnet sein wichtigster politischer Berater heimlich angefertigt hatte – doch ein Sarkozy fällt nicht über so was, nur über einen handfesten Skandal. Nachweisen konnte man ihm nie etwas. Zwar halten die Richter jetzt Notizbücher Sarkozys in den Händen. Die geben aber nur etwas her, wenn er, der Fuchs, gleich zwei Dummheiten begangen hätte: sich direkt an illegalen Machenschaften zu beteiligen und darüber Buch zu führen.

Das Unterstellungsspiel geht unterdessen weiter. Sarkozy soll einem Richter Gegenleistungen dafür versprochen haben, dass er über den Fortgang der Ermittlungen informiert wird; Hollandes Gegner wiederum behaupten, der Sozialist missbrauche die Justiz. An deren Unabhängigkeit scheint niemand mehr zu glauben. "Tous pourri!", dieser Spruch geht um: "Alle verdorben!"

Und das kurz vor zwei wichtigen Wahlen. Ende März werden in jedem Dorf und in jeder Stadt neue Bürgermeister gewählt. Für die Franzosen waren diese Wahlen früher fast so bedeutend wie Präsidentschaftswahlen. Bürgermeister, das war ein klangvoller Ehrentitel. Aber dieses Jahr könnten die Wahlen zum Debakel werden: Massenhafte Wahlenthaltung und der erste Akt im Aufstieg des rechtsradikalen Front National drohen. Der zweite Akt könnten die Europawahlen im Mai sein, in denen die Front gewaltig zulegen dürfte. Hollande könnte vom Aufstieg Marine Le Pens sogar profitieren, denn sollte es in den Präsidentschaftswahlen 2017 zum Stichentscheid zwischen ihm und der extremen Dame kommen, ist sein Sieg gewiss.