Was ist das nun eigentlich genau? Eine Lebensgeschichte? Eine Träumerei? Ein Versuch, eine dunkle Liebesobsession zu entziffern? Das sind die Fragen, die einem beim Lesen dieses zauberhaften kleinen Romans durch den Kopf gehen. Ganz ähnlich sind die Fragen, die Kolja Sossedow, den Icherzähler, heimsuchen. Er lebt nicht eine, sondern zwei Existenzen. Immer wieder quält ihn eine von ihm als "Krankheit" empfundene "Gespaltenheit" zwischen seinem Innenleben und der Außenwelt. Als Kind lebt er ganz aus seiner Einbildungskraft. Mit dem Eintritt ins Gymnasium lässt Kolja die "Zeit der völligen Versunkenheit" zurück und versucht, in der Außenwelt Fuß zu fassen. Aber immer wieder – in Momenten des Glücks oder der Krise – bricht die Trennung von Innen und Außen ein. Dann kehren "die verblassten Phantome" seiner "früheren Streunereien im Unbekannten" zurück, und "alle Gegenstände" kommen dem Erzähler "trügerisch und verschwommen" vor. Unnötig zu sagen, dass diese Verwirrungen nicht nur für Kolja die Zeiten tiefster Lebenserfahrung sind, sondern auch für die Leser die Seiten intensivsten, wenngleich dunklen Leseglücks.

Was also hat es mit diesem so anziehend nebulösen Roman auf sich? Man kann auf diese schwierige Frage auch eine einfache Antwort geben. Ein Abend bei Claire ist der Erstling des Russen Gaito Gasdanow, der vor zwei Jahren mit dem Roman Das Phantom des Alexander Wolf von der Übersetzerin Rosemarie Tietze aus dem Dornröschenschlaf der Vergessenheit erweckt wurde. Gasdanow war 26 Jahre alt, als Ein Abend bei Claire 1929 in Paris, der Stadt seines Exils, erschien. Er lässt Kolja darin die Geschichte seines Lebens und seiner alles bestimmenden Liebesgeschichte mit Claire erzählen. Sie war 18, als er sie mit 16 in seiner ukrainischen Heimatstadt erstmals sah und sogleich wusste, dass sein bisheriges Leben "nur eine Probezeit und eine Vorbereitung" auf diese Begegnung gewesen war. Er verliert sie aus den Augen, gerät in den Strudel des Bürgerkriegs nach der Russischen Revolution und lebt doch immer nur darauf hin, sie wiederzufinden. Der Roman beginnt mit dem erneuten Zusammensein der Liebenden in Paris, führt sie, in einer wortlosen Liebesszene, ins Bett, da sind wir auf Seite 16, und verwandelt sich dann für die restlichen 158 Seiten in eine Erinnerung Koljas an sein Leben vor und nach Claire.

Gasdanow erzählt weitgehend sein eigenes Leben. Die Petersburger Winterabende, die Schneestürme, die Sommerzeiten auf dem Land, die Soldatenzeit auf einem Panzerzug – dieses Ausschweifen ins vorrevolutionäre Russland wäre für sich schon enorm reizvoll. Zum Glück ist aber alles doch ein bisschen komplizierter. Denn Kolja verwirbelt seine Lebensereignisse immer wieder im turbulenten Kaleidoskop seines Innenlebens. Dann wird dieses Buch jeweils fast zu einem kubistischen Gemälde, in dem Claires Knie, ihre Brustwarzen, ihr blasses Gesicht, "all diese Einzelteile" sich voneinander lösen und zu einem "Luftporträt" Claires aufschweben – "Claires Spiegelbild zog sich endlos in die Länge und Breite, erzitterte dann und verschwand". Hinreißend!