DIE ZEIT: Am kommenden Sonntag will die Krim-Bevölkerung in einem Referendum über den Anschluss an Russland abstimmen. Könnte das zum Krieg führen?

James L. Jones: Nein, ich glaube nicht. Ohne Zweifel ist dies einer der ernsthaftesten Konflikte mit Russland seit dem Ende des Kalten Krieges, aber solange er auf die Krim beschränkt bleibt, sehe ich keine Kriegsgefahr.

ZEIT: Geben Sie die Krim bereits verloren?

Jones: Nein, absolut nicht. Die Krim ist integraler Bestandteil der Ukraine, und die Ukraine ist ein unabhängiger, souveräner Staat. Präsident Putin bricht internationales Recht. Sollte Russland tatsächlich die Halbinsel annektieren, darf dies nicht ohne ernsthafte internationale Konsequenzen bleiben. Aber wir müssen auch beachten, dass über die Hälfte der Krim-Bewohner Russen sind.

ZEIT: In Ihrer Zeit als Nationaler Sicherheitsberater dachte sich Präsident Obama die sogenannte Reset-Politik aus, die auf einen Neuanfang in den sehr gespannten Beziehungen zu Moskau setzte. Ist diese Politik nicht komplett gescheitert?

Jones: Nein, die Jahre 2009 und 2010 waren recht fruchtbar. Wir haben einen Vertrag ausgehandelt, der die Atomwaffenarsenale von Russen wie Amerikanern entscheidend reduziert. Die Regierung in Moskau gestattete uns, über ihr Staatsgebiet Nachschub für unsere Truppen in Afghanistan zu transportieren, und wir haben unsere Zusammenarbeit bei der Terroristenbekämpfung intensiviert.

ZEIT: Dennoch, muss diese Russland-Politik nicht im Lichte der Ukraine-Krise als gescheitert gelten?

Jones: Verantwortlich für den großen Unterschied zwischen damals und heute ist ein einziger Mann: Präsident Putin. Sein Vorgänger Dmitri Medwedew war bereit, nach dem russischen Einmarsch in Georgien im Sommer 2008 die gespannten Beziehungen zu Amerika zu verbessern. Doch Wladimir Putin hat eine völlig andere Sicht der Welt und der Geschichte seit 1945. In meiner Zeit als Nato-Oberbefehlshaber in Europa und als Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Obama habe ich Putin sagen hören, dass der Untergang der Sowjetunion die größte globale Katastrophe der letzten 100 Jahre gewesen sei. Für Putin ist es inakzeptabel, dass ehemalige Sowjetrepubliken und Staaten des Warschauer Paktes der EU, aber vor allem der Nato beigetreten sind. Das sei, so sagte er, die schlimmste Erniedrigung für sein Land, sein Volk – und für ihn selbst. Er würde diese Erniedrigung weder vergessen noch verzeihen.

ZEIT: Wenn man Putins Psyche so gut kannte, hätte der Westen nicht besser auf den Ukraine-Konflikt vorbereitet sein müssen?

Jones: Niemand hat gedacht, dass Putin so weit gehen würde. Denn die Ukraine ist nicht Georgien, sie grenzt an Mitgliedsstaaten von EU und Nato.