Der Meister wird toben, wo immer er ist. In der Hölle wahrscheinlich, der Himmel wäre dem für seine millionenschweren fleischigen Porträts berühmte Maler Lucian Freud wohl zu langweilig. Gut 89 Jahre lang hat Lucian Freud seine Privatsphäre mit Rabiatheit verteidigt, Interviews abgelehnt, seine Telefonnummer geheim gehalten, eine autorisierte Biografie in letzter Minute gestoppt. Jetzt ist Freud, der mit seiner künstlerischen wie libidinösen Getriebenheit, seiner wilden Widersprüchlichkeit eine Fundgrube für Großvater Sigmund gewesen wäre, nicht mal drei Jahre tot – und Geordie Greig packt die ganze Unterwäsche auf den Tisch.

Der Journalist hat sich nicht abschütteln lassen. Wieder und wieder bat er um ein Gespräch mit dem bewunderten Künstler, bis dieser ihm die Tür öffnete, mit ihm frühstückte, redete, sich fotografieren ließ, zehn Jahre lang. Das Ergebnis, Frühstück mit Lucian Freud: interessant, amüsant, ärgerlich. Man erfährt viel aus dem Buch, auch vieles, was man gar nicht wissen will. Hunderte von Affären hat Lucian Freud, Vater von "mindestens 14 Kindern", gehabt. Greig legt noch ein paar Hundert Namen obendrauf: die der Eltern, Kinder, Ehemänner und Geliebten der Geliebten, was Loriotsche Qualitäten hat. Nicht umsonst war der Herausgeber der Mail on Sunday früher Chefredakteur des Tatler, des Klatschblatts für gehobene Kreise. Freilich hat Freud selbst, auch beim Malen, gern geklatscht. Über andere.

Auf eine der wichtigsten Beziehungen in diesem an Verbindungen wie Entzweiungen so reichen Lebens kommt Greig erst am Ende kurz zu sprechen: die zu David Dawson, mehr als zwei Jahrzehnte lang sein Assistent und Lebensmensch, dessen wunderbare Fotos aus dem Studio von großer Nähe und ungewöhnlichem Vertrauen erzählen.

Frühstück mit Lucian Freud ist schön gemacht: Der matte Druck, das edle Papier, die kraftvollen Gemälde und die Fotos, von denen der Autor etliche selbst geschossen hat, das guckt man sich gern an. Elegant geschrieben, wie V. S. Naipaul auf dem Umschlag versichert, ist das Buch nicht. Merkwürdig ungelenk ist Greigs Stil, seine Beobachtungen sind ziemlich underwhelming: "Bindy Lambton war reich und charaktervoll." Wer Intelligenteres zu Freuds Kunst und deren Entstehung erfahren will, dem sei Martin Gayfords Mann mit blauem Schal (Piet Meyer Verlag, Bern) empfohlen.