Es ist kein Zufall, dass Jürgen Fitschen, der Chef der Deutschen Bank, das neue Buch von Gerhard Schick präsentiert hat. Schick, ein promovierter Volkswirt, ist der profilierteste grüne Finanzpolitiker und hat sich im Bundestag einen Ruf als Fachmann und seriöser Gegenspieler der Banker und Börsianer erarbeitet. Die Branche muss ihn ernst nehmen, auch wenn sie seine Ideen nicht mag. Schicks Machtwirtschaft – nein danke! geht allerdings weit über eine links-grüne Kritik der Finanzmarktpolitik hinaus. Hier beschreibt jemand sein tiefes Unbehagen an der herrschenden Politik, an deren Bewältigung der Finanzkrise, aber längst nicht nur das: Schick stellt unser gesamtes Wachstumsmodell infrage.

Das ist mutig, selbst bei den Grünen. Denn Wirtschaftswachstum ist immer noch das Mantra der meisten Bundespolitiker. Auch wenn viele längst ahnen, dass die derzeitige Form des ökonomischen Wachstums an ökologische Grenzen stoßen wird, weiß schlicht keiner, wie es denn ohne gehen soll. Also beruhigen sich die meisten damit, dass sie das Thema verdrängen oder vor das W-Wort "grün" oder "sozial" setzen.

Schick macht es sich schwerer. Er beschreibt, wie seine Zweifel an der Überlebensfähigkeit unseres (heute noch so erfolgreichen) Wirtschaftsmodells gewachsen sind. Er lässt seine Leser teilhaben an seinem Staunen über die Exzesse der Finanzmärkte. Und er erklärt, warum er doch nicht glaubt, dass allein "mehr" Staat die Lösung sein kann: Die Art und Weise, wie der Staat in der Krise die Banken gerettet hat, hält Schick für eine der größten Umverteilungsaktionen von unten nach oben der jüngeren Geschichte. Entscheidend sei folglich nicht "mehr", sondern ein "besserer" Staat.

Das klingt, als wirkten bei Schick die Jahre am Walter Eucken Institut in Freiburg nach, schließlich nennt er sich seither einen "linken Ordoliberalen". Interessant ist aber, wie Schick den besseren Staat durch eine Reihe von Maßnahmen fördern will: durch kompetentere Parlamente (denen mehr Experten als bisher zuarbeiten), besser ausgerüstete Ministerien, durch die Stärkung von "Gemeinwohl-Lobbys", die den Interessenvertretern der Wirtschaft gewachsen sind, durch mehr Transparenz und mehr direkte Beteiligung der Bürger. Schick plädiert für eine radikale Demokratisierung des Nationalstaats und der EU. Erobert euch den politischen Raum von den Eliten zurück, lautet sein Plädoyer, und: "Macht mit!" Das ist grün gedacht, klingt gut und etwas naiv. Gerade hier hätte man sich gewünscht, dass er weitersucht: Warum haben bei den vergangenen Wahlen die Parteien gewonnen, die von Basisdemokratie wenig halten? Und stimmt es denn, dass mehr Mitsprache zu einer anderen Art des Wirtschaftens und Konsumierens führt? Bringt mehr Demokratie wirklich automatisch eine ökologische Ökonomie?

Bei den meisten Ökonomen, auf den Finanzmärkten und in der Wirtschaftspolitik hat grünes Denken bisher wenig Spuren hinterlassen. Sicher liegt das auch am Fremdeln grüner Politiker mit der Wirtschaft. Wer etwa traute sich wie Sahra Wagenknecht von der Linken in die Debatte mit orthodoxen Ökonomen, wer könnte Sigmar Gabriel oder Peer Steinbrück Paroli bieten? Schick hat mit diesem Buch seinen Hut in den Ring geworfen.