Wohin nur den Blick richten? Das Heimstudio von Volker Bertelmann hat etwas von einem Museum für antike Gerätschaften und Instrumente. Das Zeitz-Harmonium von der Ururgroßmutter etwa, ein Analogmischpult aus den 1970ern, ein Synthesizer, die Röhrenmikrofone und der Star des Ensembles, ein großes Zimmermann-Konzertklavier. In dessen Tiefen finden jene Klangverwandlungen statt, die Bertelmanns Musik ein großes Glücksmoment schenken: Als Pianist trifft er einen Nerv beim Publikum, weil er das Schwierige so einfach macht. Unter dem Künstlernamen Hauschka wird er als Popstar des präparierten Pianos gefeiert. In Konzertsälen, Kirchen und Clubs rund um den Globus.

Bertelmanns Soundwerkstatt ist nur eine Tür von den Räumlichkeiten entfernt, die er mit Freundin und Kindern im Düsseldorfer Gewerbegebiet Flingern bewohnt. Draußen lassen Baumärkte und Autohäuser den Charme der Großstadtperipherie aufblitzen, drinnen wird am Klavier geschraubt und geklebt, dass es dem ein oder anderen Heimwerker aus der Nachbarschaft eine Freude wäre, dem Pianisten bei seiner Arbeit unter die Arme greifen zu dürfen. Betritt Hauschka seine Werkstatt, interessiert ihn jedoch weniger der heimelige Akt des Schraubens als vielmehr die Poesie des Experiments, der Moment, da der Sound diffundiert.

Wie es klingt, wenn Alltagsgegenstände wie Radiergummi oder Butterbrotpapier auf einen Klangerzeuger der Hochkultur treffen, ist den neun Stücken auf Hauschkas neuem Album Abandoned City zu entnehmen. Er ist der Drummer, der das dumpfe Hämmern erzeugt, der Virtuose, der die verspielte Pianosentenz kennt, und der Produzent, der die Tonspuren zu leicht verhangenen Sinfonien zusammenbringt. "Das ist doch ein extrem schönes Geraschel", sagt Bertelmann etwa und präsentiert das Geheimnis hinter dem gerade erklingenden Geräusch: "ein lüttes Blech, in das so eine Niete reingedengelt worden ist". Das Becken eines Kinderschlagzeugs, das ihm ein Kollege schenkte, sorgt zwischen Hammer und Saite für die Hip-Hop-Beats auf Abandoned City.


Hexerei ist es nicht, was Hauschka in seinem Labor für Klangexperimente treibt. Und doch umgibt den Düsseldorfer die Aura eines Alchemisten, der sich auf die Geheimnisse seiner Materialien einlässt, wenn er Veränderungen an seinem Piano vornimmt. Schrauben hat er benutzt, wie John Cage, der Pionier des präparierten Klaviers, der den Zufall und den Humor in die Avantgarde des 20. Jahrhunderts brachte. Filzkeile hat er gesetzt, die Saiten mit Gaffer-Tape beklebt, verschiedene Papiere und Plastikfolien probiert. Er hört seinem Piano beim Hüsteln, Klappern, Plappern, Ploppen und Knistern zu, wie es den Atem anhält oder kichert, als wäre ihm gerade ein Witz eingefallen. Und wenn Hauschka mit mehreren Präparaten auf einmal arbeitet, wird aus dem verstimmten Klavier so etwas wie eine Stimmungsmaschine des Pop, aus den Registern treten dann die Instrumente eines ganzen Orchesters – Geigen, Bässe, Zimbeln und Hi-Hats –, mit denen er Orte aufsuchen kann, die auch er vorher noch nicht kannte.