Wie wenig ein Bild für sich alleine aussagt, führt der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen in seinem Buch eindrucksvoll vor. Man sieht auf einem Schwarz-Weiß-Foto eine junge Frau, die durch einen Fluss watet. Die Sonne scheint, die Bewegung der Frau kräuselt die Wasseroberfläche: ein idyllisches Bild. Doch auf der Rückseite finden sich die Worte "Die Minenprobe. Vom Donez zum Don 1942". Schlagartig ist klar, dass hier eine grausame Szene aus dem Zweiten Weltkrieg festgehalten ist: Die Frau ist eine Gefangene, gezwungen, den Fluss auf Minen zu testen. Fotografiert wurde sie wohl, weil der Fotograf im Moment der Explosion abdrücken wollte. Erst die Worte machen klar, was das Bild zeigt.

Damit wendet Lethen sich – angenehm sachlich – gegen manche Übertreibung vonseiten der Bildwissenschaften. War in ihnen zuletzt gerne von einem iconic turn die Rede, ja wurde behauptet, Bilder hätten mehr als anderes als Träger von Erkenntnis zu gelten, so zeigt Lethen die Bedeutung von Kontexten. Bilder sollten nicht zu "Gegenständen einer Kunstreligion" gemacht werden, so sein Fazit, sondern müssten durch "Praxisfelder zirkulieren", um als Quellen und Dokumente zu taugen. So lässt sich von einer "Wiederkehr der Dinge" sprechen, Lethen nimmt Roland Barthes und seine Fototheorie als Kronzeugen für die Auffassung, dass reale Objekte die Grundlage für alle fotografischen Bilder seien und also immer nur eine Spur von jenen darstellen.

Insgesamt erfährt man in Lethens Buch tatsächlich weniger über fotografische Bilder als über ihre Sujets. Bildphilosophisch Interessierte dürften enttäuscht sein, zumal die Distanzierungsgesten des Autors gegenüber Medientheorien und konstruktivistischen Ansätzen kaum ambitioniert sind. Dafür gibt es ein heimliches Hauptthema – Ausstellungen. In fast jedem Kapitel werden Bilder anhand von Ausstellungen eingeführt: am Beispiel der Wehrmachtsausstellung, einer Wiener Ausstellung über sowjetische Unterwäsche oder einer Ausstellung über nackte Männer. Lethen beschreibt diese Ausstellungen ausführlich. Dass eine falsche Bildlegende, wie im Fall der ersten Wehrmachtsausstellung, einen Skandal auslösen kann, zeugt einmal mehr von der großen Bedeutung, die Außerbildliches für Bilder besitzt. In anderen Fällen kommentieren sich Bilder gegenseitig und werden so zu aussagestarken Dokumenten. Schließlich die Ausstellungskataloge – seitenlang referiert Lethen Katalogessays und vergisst darüber manchmal, dass es ihm um Bilder geht. Vielleicht aber ist gerade dies das poetologische Programm des Autors? Die autobiografische Form des Buches erlaubt es ihm, seinen Erinnerungen in sehr sentenzbemühten Gedankengängen zu folgen. Bilder sind dafür häufig nur der Ausgangspunkt. Das Erzählen offenbart die Schwerkraft der Wirklichkeit und der – deutschen – Geschichte. Sosehr in Bildern Emotionen gesammelt sein mögen, so sehr treibt aber ihre Betrachtung immer schon über sie hinaus.

In der Summe wirken die Episoden beiläufig. Weder wird daraus eine Lebensgeschichte, noch folgt ihre Auswahl einem Konzept. Man hat es mit einer Unterhaltungsprosa für Geisteswissenschaftler zu tun, die ein wenig theoriemüde geworden sind, aber ihren Sachthemen nicht abschwören können oder wollen.