DIE ZEIT: Sie denken als gelernte Volkswirtin und Philosophin darüber nach, was Freiheit ist. Sitzen Sie bequem zwischen den Stühlen?

Lisa Herzog: Nein. Aber zwischen den Stühlen gibt es interessante Fragen! Ich versuche, im Gleichgewicht zu bleiben: Für Philosophen sind mit der Freiheit in erster Linie die klassischen bürgerlichen Freiheitsrechte gemeint, für Ökonomen ist Freiheit zumeist die des Marktes.

ZEIT: Und für Sie?

Herzog: Ich möchte, dass die Marktfreiheit die anderen Freiheiten nicht erdrückt. Der Philosophie geht es seit der Antike um die Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Mich interessiert, wie diese Freiheit jeder und jedem zukommen kann, in ihren unterschiedlichen Dimensionen. Wenn diese Freiheiten heute nicht nur den Reichen gehören sollen, kann es notwendig sein, im Namen der Freiheit aller die Einschränkung des Markts zu fordern. Sonst kann es zu einer gefährlichen Konzentration von Kaufkraft und Macht kommen. Die Ideengeschichte, etwa das Denken von Adam Smith, hilft, dies klarer zu sehen.

ZEIT: Warum? Sind die Werte des 18. Jahrhunderts im Zeitalter der digitalen Großmächte nicht ebenso von gestern wie Dampfmaschinen?

Herzog: Die Ideengeschichte gibt dem Markt seine Relativität zurück. Er ist ja nichts zeitlos Gültiges, sondern entwickelte sich in bestimmten Kontexten der realen und der Ideengeschichte. Adam Smith zum Beispiel setzte den Anstand des Kaufmanns voraus, der seinen guten Ruf wahren möchte. Wenn diese Voraussetzung heute so nicht mehr gilt, zum Beispiel, weil viel stärker Unternehmen statt Individuen am Markt agieren, ist die Frage: Was kann an ihre Stelle treten, um den Markt moralisch zu zähmen?

ZEIT: Ihre Sympathie für den alten Adam Smith ist auf jeder Seite, die Sie schreiben, zu spüren. Wie kommt es, dass eine junge deutsche Philosophin heute so viel Sympathie für einen ökonomischen Gründervater der schottischen Aufklärung hat?

Herzog: Meine Sympathie gilt dem Moralphilosophen und Menschenkenner Smith. Er ist ein unglaublich feinsinniger Beobachter der menschlichen Psyche, des Bedürfnisses nach äußerer Anerkennung und Status; vieles davon bestätigt heute die empirische Sozialpsychologie. Smith beschreibt aber auch, wie Menschen sich davon ein Stück weit lösen und innere Unabhängigkeit entwickeln können. Allerdings gibt es auch Punkte, an denen man nicht zu viel von Smiths Denken in die Gegenwart holen darf. Das betrifft zum Beispiel seinen Deismus: Er sah den Markt als Teil einer göttlichen Ordnung des Kosmos und zeichnete ihn auch deshalb in so leuchtenden Farben.

ZEIT: Adam Smith musste sich nicht zwischen Philosophie und Volkswirtschaft entscheiden, beides hing untrennbar zusammen. Heute ist das anders ...

Herzog: Ich habe beides parallel studiert und musste dann entscheiden, in welches Fach ich mich wissenschaftlich bewege. Ein starker Grund gegen die Volkswirtschaftslehre war die Verzweiflung darüber, dass ich dort lauter Modelle gelernt habe, ohne zu begreifen, aus welchem historischen Zusammenhang sie stammen und zu welcher wirtschaftlichen Wirklichkeit sie passen.

ZEIT: Hören Ihnen beide Seiten, Ökonomie und Philosophie, zu, wenn Sie nun den Wert des Marktes und der Freiheit zum Thema machen?

Herzog: Von der akademischen Ökonomie, die ja stark in ihren eigenen Mechanismen des Publizierens lebt, habe ich bisher wenig Echo bekommen; ich schreibe allerdings auch eher in philosophischen Foren. Die politische Philosophie, in der ich jetzt akademisch zu Hause bin, erlebe ich als intellektuell offener.

ZEIT: Woran liegt’s? Sie schreiben, dass es auch am Habitus des Fachs Ökonomie liege. Was meinen Sie damit?

Herzog: Ökonomen gehen oft grundsätzlich davon aus, dass Märkte gute Einrichtungen sind; viele von ihnen meinen, dass jeder Mensch ein Recht hat, zu behalten, was er oder sie am Markt verdient. Umverteilung kann dann nur gerechtfertigt werden, wenn sie nicht auf Kosten von Effizienz geht. Effizienz ist in vielen Modellen als normativer Maßstab gültig. Die Frage, welche Normen es sonst noch geben könnte, wird nicht gestellt. Und manche Begriffe kommen in diesem Denken gar nicht vor; besonders auffällig ist das Fehlen eines Begriffs von Macht, und damit auch von ungleicher Macht, in den Standardmodellen.

ZEIT: Ist die Philosophie nicht auch in ihrem Tunnel gefangen, wenn sie Märkte kritisiert und ohne volkswirtschaftliche Kenntnisse auskommt?

Herzog: Die Arbeitsweise der universitären Philosophie ist das Interpretieren und Diskutieren von Texten, sodass das Hinterfragen von Voraussetzungen selbstverständlicher ist. Allerdings begegnet mir in der Philosophie manchmal eine reflexhafte Marktfeindlichkeit. Ich denke, dass dies daher kommt, dass Märkte mit Ungleichheit assoziiert werden, und diese Ungleichheit ist rechtfertigungsbedürftig.