Die Instabilität italienischer Regierungen ist ebenso chronisch wie legendär. Italiens Industrielle haben diese Verhältnisse in der Vergangenheit oft als unerheblich abgetan. Die Wirtschaft des Landes, so ihre Begründung, basiere auf einer starken mittelständischen Industrie, die unabhängig von der jeweiligen Regierungspolitik Wohlstand schaffe. Dieses wiederkehrende Argument war früher schon falsch. Inzwischen hat es sich jedoch als vollständig unhaltbar erwiesen. Denn das globalisierte Wettbewerbsumfeld, in dem sich die italienische Wirtschaft zu behaupten hat, ist – auch angesichts der gemeinsamen europäischen Währung – weitaus brutaler geworden. Der Wert der italienischen Industrieproduktion ist seit 2008 um 25 Prozent gesunken. Das italienische Bruttoinlandsprodukt liegt heute auf dem Niveau von 2000.

Es ist kein Zufall, dass die Italiener jedes Vertrauen in ihre politischen Vertreter verloren haben. Diese werden überwiegend in randständigen Regionen gewählt und haben sich in der Vergangenheit keineswegs immer durch Ehrlichkeit, Kompetenz oder die Bereitschaft ausgezeichnet, ihre Arbeit als Dienst am gesamten Land zu verstehen. Inmitten dieser ungünstigen, ja sogar schmerzhaften Umstände ist nun ein neuer junger Premierminister an die Spitze der Regierung getreten.

Welche Politik könnte Unternehmen wie dem meinem helfen, dem Schmuckhersteller Pomellato? Es steht exemplarisch für die mittelständische industrielle Basis Italiens (sie ist der beste Motor einer möglichen Erholung). Drei Maßnahmen wären nötig.

Erstens: Es muss solchen Unternehmen möglich sein, junge Arbeiter und Fachkräfte unter 30 Jahren für die ersten zehn Jahre mit völlig flexiblen Verträgen einzustellen. Es dürfen keinerlei Auflagen bestehen, die das Unternehmen zwingen, Mitarbeiter weiter zu beschäftigen, die sich im Laufe der Zeit als unfähig oder überflüssig erwiesen haben. Es mag seltsam erscheinen und unfair klingen, aber diese Form der Liberalisierung auf dem Arbeitsmarkt könnte sich als die bestmögliche Politik erweisen, um Italiens jüngere Generation in Beschäftigung zu bringen, die unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum Chancen hat, heute oder jemals in den Arbeitsmarkt zu kommen.

Zweitens: Vonnöten sind "normale" europäische Steuersätze. Diese müssen anders aussehen als die saftigen 37 Prozent auf den Bruttogewinn (einschließlich der regionalen Steuer IRAP), die Unternehmen derzeit noch zu entrichten haben. Unsinnigerweise ermöglicht das gegenwärtige System keine Abschreibungen auf Personalkosten und benachteiligt daher gerade Unternehmen mit einem höheren Personalanteil. Als wäre dies nicht genug, kostet ein Pomellato-Mitarbeiter sein Unternehmen pro 100 Euro Bruttogehalt in Wirklichkeit 143 Euro. In Deutschland würde dieser Mitarbeiter seine Firma nur 123 Euro kosten.

Drittens: Notwendig ist zudem, dass Gerichtsentscheidungen erster Instanz wie anderswo in Europa auch innerhalb von sechs bis zwölf Monaten getroffen werden. In Italien lassen Urteile bislang zwei bis drei Jahre auf sich warten. Diese Langsamkeit der italienischen Justiz ist ein teurer Wettbewerbsnachteil, der mit einigen einfachen Maßnahmen behoben werden könnte: Alle Gerichtsverfahren sollten – wie es für das 21. Jahrhundert angemessen ist – vollständig digitalisiert werden. Juristische Schriftsätze der Anklage oder Verteidigung dürften (besonders in einfachen Fällen) die Länge von fünf Seiten nicht mehr überschreiten. Die gegenwärtig nur geringfügigen Gerichtsgebühren in Handelssachen müssen erhöht werden, um leichtfertige Klagen zu verhindern.

Italiens wirtschaftliche Perspektiven sind so düster, dass ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit erforderlich ist. Es braucht Reformen, die es mittelständischen Unternehmen ermöglichen, im europäischen Kontext auf gleicher Augenhöhe mit ihren Konkurrenten zu agieren. Schon ein paar gut durchdachte Maßnahmen zugunsten der mittelständischen Industrie könnten dazu beitragen, Italiens Wirtschaft insgesamt wieder auf Wachstumskurs zu bringen.

Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Dürr