Werden die Staatsbürger dieser Welt immer freier, sind die Einkommen immer gleicher verteilt? Mitnichten, schimpft der amerikanische Politikwissenschaftler James C. Scott und interessiert seit Jahrzehnten neben seinen Fragen an das Wesen und Werden der Staaten auch immer stärker dafür, wer den Staat infrage gestellt hat – und wie: Sein Buch The Art of Not Being Governed, das von Formen und Qualitäten anarchistischer Gemeinschaften in Teilen Südostasiens handelt, gewann seit 2009 viele Preise und noch mehr Leser. Das neue Buch des 77-Jährigen, Applaus dem Anarchismus, wurde in den USA im vergangenen Jahr breit diskutiert und liegt nun auf Deutsch vor: Es ist eine intellektuelle Beziehungsgeschichte zwischen dem alten Herrn und dem Anarchismus.

Scott geht von der provokanten Frage aus, ob nicht "die Existenz, Macht und Reichweite des Staates in den letzten paar Jahrhunderten die unabhängige, sich selbst organisierende Kraft von Individuen und kleinen Gemeinschaften aufgezehrt" und durch "staatliche Organisation und Überwachung" ersetzt habe – eine ziemlich große Frage für ein schmales, kaum 180 Seiten umfassendes Buch. Und Scott verzichtet bewusst auf eine Antwort, er zeigt vielmehr in sechs unterhaltsam verfassten Fragmenten mit Beispielen aus Geschichte und Gegenwart, wie man die Obrigkeit mit einer Art "Alltagsanarchismus" durcheinanderbringen und globale Herausforderungen dynamischer meistern könnte: Also diskutiert Scott etwa den Abenteuerspielplatz, das Pflegeheim, die Autoindustrie, den kleinbürgerlichen Besitz, immer auf der Suche nach Spielraum wider die "machtvolle Gleichmacherei".

Insgesamt wünschte man sich das Buch ein bisschen weniger plaudernd, die "anarchistischen Seitenblicke" analytischer skizziert und in die Ideengeschichte besser eingeordnet. Dies zu unterlassen aber mag genau ein Kalkül des Autors sein: Scott wollte dezidiert kein wissenschaftliches Werk und auch kein Manifest verfassen. Er wollte einladen, ein Fest zu feiern – ein Fest der Aufmüpfigen und Selbstbestimmten, die Hierarchien und Gesetze fortgesetzt hinterfragen und im Gegensatz zu ihren Revolutionärskollegen gern namenlos bleiben. Wie man den Staat oder Staatenverbund am Ende gar mündig zähmen kann, darf nun jeder Alltagsanarchist selbst herausfinden.