Wie glaubwürdig muss Literatur sein? Und in welchem Sinn? Bezieht sich Glaubwürdigkeit auf abgebildete, also äußere Realität oder auf jene binnenliterarische Wirklichkeit, die fiktionales Erzählen aus eigener Kraft behauptet?

Vor einigen Wochen forderte Martin Mosebachs neuer Roman Das Blutbuchenfest seine Kritiker zu ebendiesen Fragen (und zu kontroversen Antworten) heraus. Tatsächlich gibt es in Mosebachs Roman einen, wenn man so will, groben Realismusschnitzer; nämlich ein Handy, das von einigen Romanfiguren in den nicht explizit genannten, aber kontextuell errechenbaren Jahren 1990, 1991 verwendet wird, obwohl es die schnurlosen Apparate damals noch gar nicht gab – zumindest nicht im Sinn empirischer Wahrheit. Mit der poetischen sieht es jedoch ein wenig anders aus. Und diese Trennung ist, wenn das Recht der Literatur auf Illusion und Imagination weiterhin gültig sein soll, nun mal unverzichtbar. Die Kernfrage muss folglich lauten: Ist der Illusionscharakter von Mosebachs Roman in toto so ausgeprägt, intakt und einleuchtend, dass er das Handy legitimiert?

Ein anderer, in deutscher Übersetzung in diesem Frühjahr erscheinender Roman gibt gleichermaßen Anlass zu leisen Glaubwürdigkeitszweifeln: Im Lichte der Vergangenheit des international renommierten Iren John Banville. Allerdings geht es hier nicht um die Vordatierung kommunikativer Technik, sondern um die Beanspruchung des Zufalls. Nicht nur Zufälle, auch Selbstreferenzen, Figurenspaltungen und Vexiermotive greifen in Banvilles Roman so eng ineinander wie die Rädchen einer übermächtigen Schicksalsmaschine, die an der Grenze zur Unwahrscheinlichkeit postiert ist. Der Ich-Erzähler ist der sechzigjährige Schauspieler Alex Cleave, für Banville-Leser kein Unbekannter. Er stand bereits in dem Roman Sonnenfinsternis, 2002, im Mittelpunkt.

Alex Cleave lebt mit seiner Frau Lydia zurückgezogen auf dem Land in der Nähe von London. Der Alltag ist monoton, die Ehe ist nahezu erloschen. Was sie erhält, ist nichts anderes als die geteilte, gnadenlose Trauer um die Tochter Cass. Zehn Jahre vor Beginn der Romanhandlung nahm sich die an Schizophrenie leidende Cass in Italien das Leben, in einem Ort an der ligurischen Küste. Die genaueren Umstände des Dramas kennen die Eltern nicht. Cass hatte den Kontakt zu ihnen abgebrochen. Eines Tages erhält nun Alex Cleave, der seine besten Jahre als Schauspieler längst hinter sich hat und dessen Ruhm auch in den besseren Jahren über Londoner Shakespeare-Bühnen wohl nicht allzu weit hinausging, einen Anruf aus Hollywood. Er soll in einem Kinofilm den Literaturkritiker Axel Vander spielen. Das Anagramm der Vornamen Alex/Axel ist bereits ein sehr effektstarker Hinweis auf Spiegelfechterei.

Kann es das geben, im sogenannten richtigen Leben? Vielleicht. Aber das richtige Leben ist nicht der Maßstab, den Banville anlegt. Er arbeitet vielmehr an einer atemberaubend ausgefeilten intertextuellen Romanmechanik. Der Literaturkritiker Axel Vander, dessen zweifelhaftes Doppelleben an Paul de Man erinnert, trat schon in Banvilles Roman Caliban aus dem Jahr 2004 auf. Und auch Cass trat darin auf. Sie war seine junge Geliebte und kam dem Schwindel auf die Spur. Für die Handlung des jetzigen Romans ergibt sich also folgende Situation: Alex Cleave schließt aus dem Drehbuch zu dem amerikanischen Biopic, dass Axel Vander genau der Mann ist, der sich mit Cass vor zehn Jahren in Ligurien aufhielt. Vanders junge Geliebte, also niemand anderes als Cass, wird in dem Film von Dawn Devonport verkörpert, einer Schauspielerin mit Star-Appeal. Und da John Banville es darauf anlegt, sein Referenzpuzzle auf die Spitze zu treiben, gönnt er dem alternden Alex Cleave nicht nur eine Affäre mit der delikaten Kollegin, sondern auch eine gemeinsame Reise an besagten ligurischen Küstenort. Dort schließen sich sämtliche Kreise – und der detektivisch herausgeforderte Leser holt erst mal sehr tief Luft.

All dies jedoch, die gesamte Alex-Axel-Cass-Dawn-Konstruktion, macht indes nur die Hälfte, ja nur die Rahmenhandlung des Romans aus. Denn im Kern erzählt Im Lichte der Vergangenheit von einer pubertären Liebespassion, die Alex Cleave in seinem irischen Heimatdorf erlebte und an die er sich jetzt, fast ein halbes Jahrhundert später, erinnert. Ein scandale amoureux erster Güteklasse. Alex Cleave war zarte fünfzehn Jahre alt, als er mit der Mutter seines besten Freundes in den Bann einer erotischen Affäre geriet, die ihn nicht weniger um Herz und Verstand brachte als die verheiratete, erwachsene Frau. Ist das realistisch? Ist es vorstellbar, glaubwürdig, dass sich eine solche jede Moralgrenze übersteigende Geschichte im streng katholischen Irland der sechziger Jahre zutrug? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Nur kommt es darauf, auf die empirische Wahrscheinlichkeit, überhaupt nicht an. Die unerhörte Liebesgeschichte ist von Banville ganz einfach wunderbar erzählt. Sie ist bis in die kleinste Seelenregung hinein nachvollziehbar. Sie ist in sich, als literarische Fiktion, vollkommen plausibel.

Nur: Der Ernst dieser fatalen, wahrhaft tragischen Jugendliebe verträgt sich schlecht mit der postmodernen Spielerei der Rahmenhandlung, samt ihren übertüftelten Namens- und Identitätsüberschneidungen. Hier sitzt das Problem des Romans. Sein Illusionsraum ist gestört. Und das hat Folgen für die poetische Wahrheit. Denn die eine Hälfte des Romans bringt die jeweils andere in Schieflage und letzten Endes um ihre literarische Glaubwürdigkeit. Martin Mosebachs Handy indes klingelt in einem Illusionsraum, der als Ganzes intakt ist. Denn das viel diskutierte Handy ist zwar das deutlichste, aber keineswegs das einzige Zeichen, das Mosebachs Werk als Produkt der Imagination charakterisiert. Wer in der Innenstadt von Frankfurt am Main einen Garten sucht, der dem gleicht, in dem sich das titelgebende Blutbuchenfest ereignet, kann wahrscheinlich lange suchen.