DIE ZEIT: Herr Fitschen, Sie haben Bankenkritikern jüngst "Arroganz" vorgeworfen. Ist das nicht selbst arrogant?

Jürgen Fitschen: Meine Aussage war die Reaktion auf eine Behauptung, die ich so nicht stehen lassen wollte: dass die Banken keine Lehren aus der Krise gezogen hätten und zockten wie früher. Dies trifft einfach nicht zu.

ZEIT: Inwiefern?

Fitschen: Es ist eine Menge geschehen, um Finanzinstitute stabiler zu machen. Als Präsident des Bankenverbandes sage ich nicht, dass wir schon am Ende des Wegs sind, aber das bereits Geleistete darf nicht unterschlagen werden.

ZEIT: Was ist denn alles geschehen?

Fitschen: Die Banken halten heute deutlich mehr Kapital vor als früher. Seit 2007 ist das Eigenkapital im deutschen Bankensektor um mehr als 100 Milliarden Euro gestiegen. Damit sind die Institute weniger anfällig für Krisen. Sie haben Risiken abgebaut und die Bilanzen verkleinert. Der Eigenhandel wurde gegen null gefahren. Zudem kamen allein aus Brüssel in den vergangenen fünf Jahren rund 30 Regulierungsvorhaben – durchschnittlich kam also jeden zweiten Monat eine neue Regulierung, auf die sich unsere Branche einstellen musste.

ZEIT: Der öffentliche Eindruck ist ein anderer.

Fitschen: Die Materie ist kompliziert, und es gibt viele Vorurteile gegenüber der Finanzbranche. Deshalb denken wir darüber nach, wie wir den Menschen besser vermitteln können, welche Funktion Banken und ihre Produkte haben. Unsere Umfragen zeigen, dass die persönliche Zufriedenheit mit der eigenen Bank bei den Kunden sehr hoch ist. Würden Sie aber heute etwa eine Umfrage über den Nutzen von Derivaten machen, würde eine große Skepsis zum Ausdruck kommen. Diese Themen haben wir noch nicht hinreichend erklärt, das müssen wir besser machen.

ZEIT: Wundert Sie das? Komplizierte Finanzinstrumente wie Derivate gelten als eine Ursache der Krise – und die Banken verdienen damit sehr viel Geld.

Fitschen: Ich kenne Industrieunternehmen, die vom Beginn der Produktion bis zur Auslieferung einer Ware zehnmal auf Derivate zurückgreifen. Sind das alles Zocker? Nein, sie sichern sich damit auf verschiedenen Stufen gegen Risiken ab. Ein Beispiel: Sie können sich als Unternehmer mithilfe von Derivaten gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls oder einer Währungsabwertung absichern. Dass Derivate keinen Bezug zur Realwirtschaft haben, ist so nicht richtig.

ZEIT: Ließe sich das Vertrauen wiederherstellen, wenn Finanzprodukte mithilfe einer Ampel gekennzeichnet würden, wie es die Chefin der Finanzaufsicht vorgeschlagen hat?

Fitschen: Auf den ersten Blick scheint die Idee einleuchtend. Doch ich sehe diesen Vorschlag eher skeptisch. Beispiel Aktie: Auf welches Signal wollen sie die Ampel stellen? Steht die Ampel für einen Zwanzigjährigen genauso wie für einen Pensionär? Zu viele Komponenten spielen hier hinein. So wünschenswert es wäre, das Leben manchmal auf drei Farben zu reduzieren. Es funktioniert nicht. Wichtig ist, dass der Kunde das Produkt, seine Chancen und seine Risiken versteht. Dabei können wir als Bank helfen. Wenn jemand sagt, dass er das alles nicht versteht, sollte er eine risikolose Anlage wählen. Dann muss er aber auch damit leben, dass die Rendite nicht so hoch ausfällt.