Wenn es um diesen Denker ging, verfielen die staunenden Zeitgenossen leicht ins Tremolo. "Max Weber war der größte Deutsche unseres Zeitalters" – diese Fanfare blies der Philosoph Karl Jaspers 1932 in seinem Buch über den eng vertrauten Gelehrten. Max Weber hat seine Mitmenschen fasziniert, als Gelehrter und als Persönlichkeit. Heute ist er ein Klassiker der Sozialwissenschaften, von Studenten zergrübelt und von Forschern zergliedert, gelesen in aller Welt, mit einer megalomanen historisch-kritischen Gesamtausgabe versehen. Und auch wer nicht so genau weiß, wer dieser Mann war, kennt doch ein paar Formulierungen von ihm: dass Politik das "Bohren dicker Bretter" sei, mit "Leidenschaft und Augenmaß" zu betreiben, nachzulesen in seinem legendären Vortrag Politik als Beruf von 1919. Und er hat auch schon vom Protestantismus als Entstehungsursache des Kapitalismus gehört, von "charismatischer Herrschaft" oder vom "stahlharten Gehäuse" der Bürokratie. Webers Worte vibrieren gerne heroisch – ganz wie ihr Schöpfer.

Max Weber wurde am 21. April 1864 geboren. Pünktlich zum Jubiläum wollen zwei Biografien klären, was an ihm und seinem Werk derart staunenswert war. Sie lassen sich nicht abschrecken von Jaspers’ Abwehrzauber: "ein Mann, den man auf keinen Nenner bringen kann, bei dem mir ganz unheimlich zumute wird". Dirk Kaesler, emeritierter Soziologieprofessor in Marburg, hat jahrzehntelang über Weber geforscht; sein 1000-Seiten-Opus lässt kein Dokument und keinen Text uninterpretiert. Halb so dick ist die Biografie des Journalisten Jürgen Kaube: Der studierte Soziologe und stellvertretende Feuilleton-Chef der FAZ konzentriert sich stärker auf markante Aspekte. Beide müssen sich gegen gewichtige Konkurrenz behaupten: 2005 erschien die große Weber-Biografie des Historikers Joachim Radkau, der tief in die erotischen Selbstbefreiungsmanöver des Heidelberger Professors eintauchte und deren Widerhall im Werk suchte.

Spannung und Energie sind bei Weber reichlich vorhanden – bei Kaesler wartet man allerdings bis Seite 388, um Webers 30. Geburtstag und seine erste Freiburger Professur zu feiern. Der zentrale Unterschied der beiden Biografien, die man mit großem Gewinn liest, liegt in ihrer Konzeption. Weit über hundert Seiten verwendet Kaesler zunächst darauf, "Hintergrund, Kulissen und Mitspieler" vorzustellen: die Geschichte einer bürgerlichen Großfamilie im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Kaube begreift Weber stärker als reagierenden Zeitgenossen der gigantischen Umwälzung des sozialen Gefüges hin zur Massengesellschaft. Der Gelehrte spürte es ähnlich wie wir heute: "Man hat den Eindruck, als säße man in einem Eisenbahnzuge von großer Geschwindigkeit, wäre aber im Zweifel, ob auch die nächste Weiche richtig gestellt werden würde."

Lesewütig und altklug ist der Charlottenburger Schüler, wächst auf im politisierten Umfeld seines nationalliberalen Vaters, zu dem das Verhältnis gespannt bleibt. Die Stufenleiter des akademischen Betriebs wird rasch, aber ohne genaues Ziel genommen – und es stellt sich die ideale Gefährtin ein: die wohlhabende Marianne Schnitger; die Ehe bleibt kinderlos.

"Ich bin ein Mitglied der bürgerlichen Klassen", so Weber in seiner Antrittsvorlesung, "fühle mich als solches und bin erzogen in ihren Anschauungen und Idealen." Dazu gehört auch der deutsche Imperialismus. So normal all das scheint, darunter wuchert es: "Max Weber stopft sein Leben und sich voll, mit Terminen, Lektüren, Aufträgen, Arbeiten, Essen, Bier", fasst es Kaube zusammen.

Der Nervenzusammenbruch kommt. Weber lässt sich von der Heidelberger Universität, an der er seit 1896 lehrt, 1898 beurlauben. Fünf Jahre lang wird der Depressive fern von Kollegen sein, treu unterstützt von Marianne. Es ist im Grunde eine Doppelkrise, in der sich Weber befindet. Intellektuell, das arbeitet Kaube heraus, sitzt er zwischen allen Stühlen – ein Nationalökonom, der zur Soziologie strebt, dafür aber methodisch mit allem abräumen müsste, was es bis dato gibt, um dann seine universalhistorisch vergleichenden Theorien zu entwickeln. Und sexuell findet er bislang keine Erfüllung. Auswege aus dieser Doppelkrise ergeben sich allmählich. Im liberalen Klima unter Heidelberger Professoren wird gerne abseits des Mainstreams gedacht – und ein paar Jahre später gelebt und geliebt, gerne ziemlich durcheinander.