DIE ZEIT: Herr Graeter, bei Ihnen läuft es gerade nicht rund. Vor zehn Tagen hatten Sie einen Schlaganfall, zwei Tage später meldete Ihr Arbeitgeber, die Münchner Abendzeitung, Insolvenz an.

Michael Graeter: Ich hab’s im Krankenhaus erfahren. Wenn ich Ihnen sag, was bei der Abendzeitung los ist, springen die Verleger, Herr und Frau Friedmann, an die Decke. Bloß so viel: Mit so einer kleinen Mannschaft kann man doch gar keine schwarzen Zahlen schreiben!

ZEIT: Die Zeitung hat seit 2001 rund 70 Millionen Euro Verluste gemacht, durch immer neue Sparrunden ist die Redaktion stark geschrumpft. Was unterscheidet die AZ noch von den vier anderen Zeitungen, die in München erscheinen?

Graeter: Sie ist intellektueller. Die von der Bild München wissen doch gar nicht, was ein Feuilleton ist. Außerdem haben die so wenige Leser, dass sie jeden persönlich kennen.

ZEIT: Aber auch die Auflage der Abendzeitung ist stark abgestürzt – von knapp 300.000 auf gerade mal 100.000, und selbst diese Zahl soll noch geschönt sein.

Graeter: Sehen Sie: Das Feuilleton hat nur noch fünf Leute. Früher waren es doppelt so viele! Als ich in den Sechzigern bei der Abendzeitung anfing, hat sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus unserem Kulturteil abgeschrieben. Die Titelseite bestückten wir damals immer mit Blut, Baby, Busen – als Kaufanreiz. Und innen war Niveau geboten, für den Münchner Feingeist. Ich war zuerst Lokalchef, bevor ich dann den schönen Beruf des Baby Schimmerlos ergriff (lacht).

ZEIT: Die Kult-Fernsehserie Kir Royal des Regisseurs Helmut Dietl aus den Achtzigern ist eine Hommage an die Münchner Schickeria, die Abendzeitung – und Sie, übersetzt in die Figur des Baby Schimmerlos. Sie galten schon damals als Prototyp des Klatschreporters.

Graeter: Ich habe dem Dietl meine Geschichten voll und ganz erzählt, weil er ja nicht wissen konnte, wie es bei uns zuging, vom WDR habe ich dafür 30.000 Mark bekommen. Die Personen, die in Kir Royal auftauchen, gibt es alle wirklich: Der Fotograf ist wie ein Zwillingsbruder meines Fotografen, und die Verlegerin Anneliese Friedmann hat später einmal Ruth Maria Kubitschek angerufen, von der sie gespielt wurde, und gesagt: "Hier spricht Frau von Unruh" – so hieß sie ja in der Serie. Allerdings fuhr ich einen VW, keinen Porsche.

ZEIT: Hat die echte Verlegerin Sie auch zu sich ins Büro zitiert und Ihnen den Kopf gewaschen?

Graeter: Oh ja! Als ich über die Scheidung der Rodenstocks schrieb – das sind die mit den Brillen –, gab es richtig Schamponade, denn Frau Friedmann war mit ihnen befreundet. Der Chefredakteur kam mit, um mir jedes Mal gegen das Bein zu treten, wenn ich zu frech antwortete.

ZEIT: Sie waren frech?

Graeter: Natürlich!

ZEIT: Ist auch der legendäre Klebstofffabrikant echt? Der junge Mario Adorf spielt ihn, mit Schnurrbart, Wampe und Bademantel steht er am Pool und sagt zu Schimmerlos: "Ich scheiß dich zu mit meinem Geld" – er wollte unbedingt in die Abendzeitung kommen.

Graeter: Ein Kolumnist muss bestechlich sein, hat der Dietl gesagt, er fand, das gehöre dazu. Aber das ist natürlich nur ein Klischee.

ZEIT: Natürlich!