Es wirkt wie eine Gaunerei aus dem Hause Wolfgang Schäuble. Der Bundesfinanzminister schnürt ein Milliardengeschenk für die Versicherungsindustrie – und lässt es die Kunden der Lebensversicherungen bezahlen. Pflichtgemäß begehren Verbraucherschützer auf. Doch ihre Kritik geht am Kern der Angelegenheit vorbei.

Schäuble plant, dass Versicherte, deren Policen fällig werden, nicht mehr wie bisher an den sogenannten Bewertungsreserven der Versicherungsunternehmen beteiligt werden. Sie bekämen also weniger davon ab, wenn die Versicherung mit den Kundengeldern an der Börse Bilanzgewinne erwirtschaftet. Bisher musste sie die Hälfte dieser Gewinne an die ausscheidenden Versicherten abgeben.

Dass die Regierung diese Praxis nun ändern will, ist keine Gaunerei, sondern sinnvoll. Denn wenn die Reserven aller Versicherten an die wenigen jetzt ausscheidenden Kunden ausbezahlt würden, bliebe nicht mehr so viel übrig für die große Zahl derjenigen, deren Verträge erst später auslaufen. Eine Minderheit würde sich auf Kosten der Mehrheit bereichern. Gerecht ist das nicht.

Das gilt umso mehr, als es derzeit eigentlich gar nichts zu verteilen gibt. Denn die riesigen Bewertungsgewinne in den Bilanzen der Versicherer existieren nur auf dem Papier. Sie kommen aus Geschäften mit Staatsanleihen, die – so ist es immer bei Anleihen – bis zum Ende ihrer Laufzeit auf jeden Fall wieder an Wert verlieren werden. Deshalb fehlt jeder Euro, der heute an die Versicherten ausgeschüttet wird, für die Kunden von morgen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Keine Frage: Die Branche profitiert von der Neuregelung. Sie hat ihre Kunden mit hohen Zinsversprechen gelockt und hat jetzt ein Problem, weil sie diese Zinsen im aktuellen Umfeld kaum erwirtschaften kann. Wenn nun auch noch die Reserven ausgeschüttet werden müssten, kämen einige Gesellschaften in ernsthafte Schwierigkeiten und könnten ihre Versprechen wohl nicht mehr halten.

Nur disqualifiziert die Tatsache, dass eine Maßnahme möglicherweise auch den Falschen zugutekommt, nicht die Maßnahme als solche. Entscheidend ist, dass die Versicherer und ihre Aktionäre die Neuregelung nicht zum eigenen Vorteil ausnutzen. Dafür muss die Regierung sorgen – zum Beispiel indem sie angeschlagenen Gesellschaften untersagt, Dividenden auszuschütten, damit die Gelder auch tatsächlich bei den Kunden verbleiben.

Genau das ist nach derzeitigem Stand der Verhandlungen auch geplant. Das ändert indes nichts daran, dass sich viele Versicherte bald mit niedrigeren Auszahlungen begnügen müssen. So zeigt der Streit um die Reserven auch die Grenzen der oft als Allheilmittel gegen den demografischen Wandel angepriesenen privaten Altersvorsorge. Wer auf den Markt setzt, der liefert sich dem Markt aus. Und das bedeutet: In Zeiten niedriger Zinsen gibt es weniger Geld.