Es gibt kaum Anlass, anzunehmen, dass sich die Situation der Pflege in Deutschland bessern wird. Alle Trends sprechen dagegen. So die demografische Entwicklung: Die alternde Bevölkerung braucht bis 2025 – die Schätzungen schwanken – zwischen 150.000 und 200.000 zusätzliche Pflegekräfte. Weil jüngeres Personal knapp ist und so rasch wieder aus dem Beruf ausscheidet, wird auch die Branche immer älter. "Immer mehr ältere Patienten und Pflegebedürftige werden von weniger und älter werdenden Fachkräften gepflegt werden müssen", hat das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung 2010 prognostiziert. Ein weiterer Trend: Die Bereitschaft, Eltern und alte Verwandte zu pflegen, ist stark rückläufig. Hinzu kommt, dass im Pflegebereich in den letzten zehn Jahren ein Drittel der Ausbildungsplätze verschwunden sind. So gesehen gibt es, wenn heute schon Pflegenotstand herrscht, für das, was kommt, keinen Begriff. Nur eine vage, unheilvolle Vorstellung.

Ein heiß diskutierter Versuch, aus dieser Krise herauszukommen, ist die "Akademisierung" der Pflege – also Pflege als Studienfach. Vielleicht muss man an dieser Stelle erwähnen, dass die deutsche Pflegeausbildung aus resteuropäischer Sicht so anachronistisch wirkt wie unsere Autobahnen ohne Tempolimit. Fast überall sonst (Ausnahme: Österreich) sind eine zwölfjährige Schulzeit sowie eine akademische Ausbildung Voraussetzung. Das gilt für die Schweizer "Pflegefachperson" ebenso wie für den französischen infirmier, die schwedische sjuksköterska und die britische (wie auch die amerikanische) nurse. Mit dieser Ausbildung stehen einem am Ende verschiedene Karrierewege offen. In Schweden leiten studierte Krankenschwestern und Pfleger Herzambulanzen. Auch in den USA sitzen sie in den Chefetagen der Krankenhäuser. Oder arbeiten – übrigens schon seit 1920! – in der Pflegeforschung.

In Deutschland hingegen wird in der Regel noch "innerbetrieblich" im Krankenhaus ausgebildet. Stefan Görres, Chef des Instituts für Public Health und Pflegeforschung (IPP) an der Universität Bremen, spricht von einer "Sonderschule des Gesundheitswesens", in der ausgebildet, aber nicht gebildet würde. Für die Attraktivität des Berufsstandes ist das Gift.

Erst durch Bildung entsteht Augenhöhe

Nur vorsichtig setzt auch hierzulande eine Akademisierung ein. Es gibt heute gut 50 einschlägige Pflegestudiengänge, die meisten an Fachhochschulen, nur sechs an Universitäten wie Bremen, Freiburg oder Kassel. 600 Studienplätze umfassen sie wohl insgesamt. Doch um auch nur eine Akademisierungsquote von schmalen zehn Prozent zu erreichen, wären 2.100 Plätze notwendig.

Was aber wäre an der Uni zu lernen? Wissenschaftliches Denken plus pflegerisches Handeln auf der Grundlage der Forschung. So fordert Stefan Görres, der gelernte Soziologe, dass das Pflegepersonal wissenschaftliche Studien finden und lesen kann. Erst wenn Arzt und Schwester oder Pfleger sich bei der Festlegung einer Therapie gemeinsam über die neuesten Forschungsergebnisse beugen, sei der viel beschworene Kontakt auf Augenhöhe da.

Dieses Szenario gefällt jedoch nicht jedem. Schon der Versuch der EU, eine zwölfjährige Schulausbildung zur Voraussetzung für Pflegeberufe zu machen, führte zu heftigem Widerstand. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, warnte ernsthaft vor einer "Überakademisierung" des Pflegeberufs. Der damalige Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) wies darauf hin, dass Schulbildung für den Beruf weniger wichtig sei als soziale Kompetenz. Es grüßt das anachronistische Leitbild einer "Pflege mit Herz und Hand", aber gerne ohne Kopf.

Bei der erwähnten Demo in Bremen hielt übrigens jemand ein Schild in die Höhe, auf dem das Versprechen prangte: "Wir sehen uns wieder!" Das kann man als ernst zu nehmende Drohung verstehen: Wenn wir übermorgen krank werden, einen Unfall haben oder im Alter zum Pflegefall werden, könnte sich an uns rächen, was jahrzehntelang an den Demonstranten und ihren Kollegen versäumt worden ist. Das stärkste Interesse an einer anständigen Pflege müssten ja wohl wir haben – die Patienten und Pflegefälle der Zukunft.

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