Die Frage: Nach der Geburt des zweiten Kindes hatten Marga und ihr Mann erotisch nicht mehr zueinandergefunden und sich im Guten getrennt. Dann trifft Marga einen Kollegen aus alten Tagen, der sich in sie verliebt. "Ich habe schon vor Jahren ein Auge auf dich geworfen", sagt Karl. Marga erlebt einen zweiten Frühling – bis sie Karl in einem alten Fotoalbum als Partner für Fesselspiele erkennt. Bisher hat sie von solchen Wünschen bei ihm nichts entdecken können. Sie sind gar nicht nach ihrem Geschmack! Sicher wird Karl sie irgendwann in seine "Perversion" verwickeln, wenn sie nicht vorher Schluss macht. Karl ist empört. "Das habe ich nur mit meiner früheren Freundin gemacht, dazu gehören doch immer zwei!" Soll sie ihm glauben, dass er normal bleiben kann?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Menschen sind nicht normal geboren, sie werden dazu gemacht – und formen sich auch selbst, indem sie ihre Wünsche auf die ihrer Mitmenschen abstimmen. Unsere "normale" Sexualität entsteht aus ihren Abweichungen. Wenn Marga bisher nichts von Karls Fantasien bemerkt hat, sollte sie dieser Wahrnehmung vertrauen. Bilder in einem Album sind: Bilder in einem Album, kein Beweis für aktuelle Wünsche. Marga wird die Angst, ihre neue Liebe ebenso zu verlieren wie ihre alte, nicht durch Flucht vor Karls vermeintlichen Abgründen bewältigen. Eine zweite Beziehung festigt sich nicht durch Verleugnung der ersten, sondern durch das Vertrauen des Paars in seine Fähigkeiten, aus Erfahrungen zu lernen, neu zu beginnen und Probleme gemeinsam zu klären.