Man soll im Jetzt verweilen. Achtsamkeit!, mahnt der Buddha. Aber manchmal klebt man doch im Gestern fest, weil da ein Bild auf der Retina haftet, das einfach da ist, morgen auch noch da sein wird, ein Bild, das nicht weggeht. Mein Bild der letzten Woche ist Putin, wie er sich in diesem herrlichen Palast in ein Goldsesselchen fläzt.

Haut sich rein, die Beine gespreizt, dass man zeitgleich um das feine, über den Oberschenkeln gespannte Tuch des Anzugs und die zierlichen Armlehnen fürchtet. Männer! Was will er uns sagen mit dieser pubertären Verkantung der Füße, der rotzigen Lümmelhaltung? Die sagt natürlich, was jeder russische Bauer kapiert, sie sagt: Brüderchen, früher mögen hier Zaren zu Hause gewesen sein, jetzt aber Kerle wie ich. Eine Ganzkörpermachtgestik. Passt dazu: ein Gesicht als Maske, mit käsigem Make-up. Nicht zu vergessen die Fuchsäuglein, welche die Journalisten fokussieren, die wie eine Gänseschar von Rest-Romanows vor ihm zusammengetrieben sind, auf dem Podestlein, vor dem der goldene Stuhl steht, ein wenig niedriger, aber was macht das, gar nichts, so wie der dasitzt. Herr der Lage.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Der Anblick spiegelt die Bilder von der Krim. Hier der feine Anzug, dort das Unterfutter, in Camouflage. Über dem Gesicht tragen auch diese Typen Maske, anders als bei Putin nicht aus Haut, sondern aus schwarzer Wolle. Beide Bilder gehören zusammen. Nicht nur im Kreml, auch am Schwarzen Meer muss man sich fragen, was unter der Maske steckt: ein Aggressor? Beschützer? Spieler? Würden die Leute, die sich neben diesen Masken in Position bringen, um ein Selfie herzustellen, nicht in ihre Handys glotzen, sondern auch mal über die Schulter, was würden sie sehen? Wie undeutbar Augen sind, ohne Gesicht. Weshalb im Westen die orientalische Frau so gefürchtet ist, ja wer weiß denn, was das für Augen sind, die durch den Schlitz gucken, Frauenaugen oder Männeraugen, wer kann das auseinanderhalten, auf der Krim oder am amerikanischen Checkpoint in Afghanistan.

Da entsteht eine Gender-Vagheit, wie übrigens auch, wenn Männlichkeit sich so exzessiv ausstellt, wie Putin es gern tut, seine Muskeln spielen lässt, als sei ihm jeder Anzug immer zu eng, weshalb man ihn oft halb nackt sieht, was schwul wirkt, weshalb er hier wiederum, auf diesem Goldsessel, die Schenkel spreizt, als Ausrufezeichen.

Das männliche Geschlechtsteil ist machtvoll konnotiert. Als Knarre, Prügel, Stecken! Und doch, auch hier – Uneindeutigkeit. Die kanadische Autorin Margaret Atwood etwa schickt in ihrem neuen Buch Die Geschichte von Zeb Schimären mit frei schwingendem blauen Pimmel in die Welt, diese Wesen wirken wie verspielte Welpen. Eindeutigere männliche Gesten sind das Einziehen des Halses in den Anzug, was eine rammbockige Wuchtigkeit herstellt, nicht nur bei Putin, sondern auch im deutschen Bundestag.

Geistige Macht? Zeigt sich im Raffinement des Zusammenspiels von Kopf und Hand, wie auf den herrlichen Porträts des Fotografen Fred Stein, die das Jüdische Museum Berlin gerade ausstellt. André Malraux – Kopf auf den Spitzen von Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand abgelegt (mit eingeklemmter Zigarette). Alfred Döblin – Kopf auf gespreizten Fingern der Linken (ohne Zigarette). Arthur Köstler – Stirn in Hand gebettet. Usw. Die Idee ist, dass des Mannes Ideen so schwer wiegen, dass der Kopf kaum hochzuhalten ist. Anders übrigens die Intellektuellen in Oxbridge. Der Ideenstau zeigt sich hier etwa darin, dass die Stirnhaut schuppig ist, das Haar fieselig, der ganze Habitus weltverloren bis zu gelben Zehennägeln, die sich aus der Sandale krümmen – okay, keine Einladung für Girlies. Heult doch. Girlies sind in diesen Tableaus schlicht nicht vorgesehen.