Was hat ein Büro mit einer Reithalle gemeinsam? Ziemlich viel, findet Doris Semmelmann. Deshalb hat sie den Projektleiter eines deutschen Dienstleistungsunternehmens in Gummistiefeln in die Sägespäne geschickt. Normalerweise kümmert er sich um die Produktentwicklung. Jetzt zieht er vorsichtig am Halfter einer dunkelbraunen Stute. Er soll das Pferd durch einen Parcours führen. Zögerlich stapft er voran, in der Hoffnung, dass es ihm folgt. Doch die Stute trabt langsam in eine andere Richtung.

"Wie jemand mit Pferden umgeht, zeigt oft, was für ein Chef er ist", sagt die Managementtrainerin Doris Semmelmann. Wobei es natürlich nicht automatisch bedeute, dass er eine schlechte Führungskraft sei, wenn das Pferd ihm nicht folge. "Ich versuche, an der Interaktion mit dem Tier zu zeigen, wo seine Stärken und Schwächen liegen." Im Anschluss kann sich der Projektleiter sein Verhalten in einem Video ansehen.

Semmelmann hat selbst jahrelang in Führungspositionen verschiedener Unternehmen gearbeitet. Seit neun Jahren versucht sie, ihre Erfahrung mit der Hilfe von Pferden und Schafen weiterzugeben. Damit ist sie auf dem Weiterbildungsmarkt längst keine Exotin mehr. Wie Ingenieure die Haifischhaut und Eulenflügel studieren, um bessere Schiffswände und Flugzeugflügel zu bauen, entdecken auch immer mehr Führungskräftetrainer und Weiterbildungscoaches die Natur als Vorbild. Sie schicken Manager in den Wald und in den Zoo, sie lassen sie Parallelen zwischen einem Ameisenhaufen und ihrem Unternehmen ziehen und an Wolfsrudeln Teamverhalten studieren. Dass Ingenieure einiges von der Natur lernen können, ist unumstritten. Aber gilt das auch für Führungskräfte?

Die Manager eines Krankenhauses studieren Affen im Zoo

Tatsache ist, dass diese Trainingsangebote derzeit sehr stark auf dem Vormarsch gegenüber herkömmlichen Formen des Coachings sind. "Es klingt immer gut, zu sagen: Wir lernen von der Natur", sagt der Autor Matthias Nöllke, der sich in mehreren Büchern kritisch mit diesem Trend auseinandergesetzt hat. Weil das Angebot derart stark gewachsen ist, sei es jedoch schwierig, auf dem Markt den Überblick zu behalten. "Das Feld ist völlig diffus und uneinheitlich."

Großen Zulauf hat derzeit der Biologe Patrick van Veen, der sogenanntes "Apemanagement", "Affenmanagement", anbietet. Der Niederländer nimmt zum Beispiel die Führungsriege eines Berliner Krankenhauses mit in den Zoo, wo die Manager, ausgestattet mit Zetteln und Stiften, vor dem Affenkäfig Platz nehmen und schweigend die Tiere beobachten. "Primaten sind hervorragende Managementtrainer, weil sie uns so ähnlich sind", sagt van Veen. "Schimpansen, Gorillas und Paviane unterscheiden sich genetisch kaum von uns. In Unternehmen funktionieren kleinere Gruppen wie Affenhorden."

Da sehen die Manager zum Beispiel den Oberschimpansen, der das Futter an sein Rudel verteilt. Da sind die jüngeren und die älteren Schimpansen, die sich gegenseitig lausen. Und Paviane, die sich untereinander ihre Babys wegnehmen und sie wie Statussymbole mit sich herumtragen. Oft müsse er gar nicht viel nachhelfen, sagt van Veen. "Die Manager erkennen meistens selbst die Parallelen zu ihrem Job." Die Babys stünden für die alltäglichen Statussymbole: mein Auto, mein Parkplatz, mein Eckbüro. Das Lausen entspreche dem Kaffeeklatsch auf dem Flur, bei dem Kontakte geknüpft werden. Und genauso wie das Futter würden auch die Boni verteilt, die der Chef bestimmt. "Zurück im Unternehmen, nehmen die Teilnehmer solche Status- oder Machtdemonstrationen viel bewusster wahr."