Wie konnte das mitten in Deutschland geschehen? Wer über den Mord an den Juden nachdenkt, stößt auf diese Frage, die bislang niemand enträtselt hat. Einerseits belegen die Dokumente ein hohes Maß an Antisemitismus, "Führer"-Ergebenheit, Gleichgültigkeit und die Begierde, sich an den Hinterlassenschaften der Entrechteten gütlich zu tun, andererseits finden sich Tausende Zeugnisse von bezahlter und unbezahlter Hilfe, schlichter Menschlichkeit, bürgerlicher und proletarischer Normalität.

Wer sich in die menschlichen Zwischenwelten hineindenken, sich also den Realitäten annähern will, lese den Bericht, den Marie Jalowicz Simon (1922 bis 1998) über ihr Leben im Berliner Untergrund hinterlassen hat – ein sensationelles Buch, das ihr Sohn Hermann Simon jetzt herausgegeben hat. Seine Mutter war im Alter von 19 verwaist, Geschwister hatte sie keine. Ende 1941, nach der Einführung des Judensterns und den ersten Abtransporten, gewann sie das sichere Gefühl: "Sie werden uns deportieren, und das ist für alle das Ende." Marie wollte überleben.

Sie wurde ein sogenannter Judentaucher, fand weit mehr als hundert Helfer, 19 verschiedene Wohnungen, in denen sie unter falschem Namen unterkroch, die alleinstehende Schwester oder Haushaltshilfe spielte – mal geliebt, mal geduldet, mal als "jüdische Dulcinea" beschimpft. Sie wohnte bei guten Kommunisten, nazistischen Erpresserinnen, versuchte in die Türkei zu fliehen und scheiterte in Bulgarien. Ein Rechtsanwalt, der ihr zu Papieren verhelfen sollte, verlangte von ihr Sex. Weil sie frisch verliebt und "fest davon überzeugt war", dass sie und ihr Mitko füreinander bestimmt seien, lehnte sie ab. Prompt denunzierte sie der abgewiesene Herr. Aber wer rettete sie, die so leicht als Jüdin mit gefälschten Papieren zu erkennen war, aus dem bulgarischen Gefängnis, und zwar ohne jede Gegenleistung und unter persönlichen Risiken? Wer verschaffte ihr offizielle Rückreisepapiere mit falschem Namen, Geld und Fahrkarte? Es war Hans Goll, der in Sofia die Dienststelle für den Einsatz bulgarischer Fremdarbeiter in Deutschland leitete.

Mit Berliner Witz schildert die Autorin soziale Milieus, das Verhalten ihrer Helfer und jüdischen Bekannten. Über einen wohlhabenden jüdischen Gynäkologen und seine Frau schreibt sie: "So waren die Hellers: Sie setzten einerseits heldenmütig ihr Leben aufs Spiel, um anderen zu helfen. Andererseits war ihnen ihr glänzendes Parkett genauso wichtig wie der Widerstandskampf gegen die Nazis." Vor zwei Gestapo-Beamten, der eine stand schon in der Wohnung, floh Marie Anfang 1942 im Unterrock. An der nächsten Ecke borgte ihr ein wildfremder älterer Arbeiter die Windjacke. Mit den Worten "endlich kann man mal was tun gegen die Kanaken" begleitete er sie zu jüdischen Bekannten.

Marie Jalowicz erzählt, wie sie von Felicitas, Bedienung in einer Kreuzberger Kneipe, gegen 15 Mark, das entspräche heute rund 200 Euro, an den gut 50-jährigen, schwer gehbehinderten Karl Galecki vermittelt wurde. Der Mann hauste in einer Einzimmerwohnung, liebte die Fische in seinen Aquarien und ein Bild mit scheinbar leerem Passepartout. "Ahnst du, was das ist?" – "Nein." – "Es ist ein Haar von des Führers Schäferhund", erklärte der Zimmerwirt andächtig und meinte nebenbei: "Die Juden müsste man alle umbringen." Zum Glück für Marie versicherte er "mit gesenktem Kopf", dass er zu Sexuellem nicht mehr imstande sei. Das Zusammenleben währte kurz.