Die Bestsellerliste hat sich sexuell stark abgekühlt. Das Sadomaso-Epos Shades of Grey befindet sich im Sinkflug. Statt ihrer verdrängten Lust werden speziell die Leserinnen sich jetzt wieder stärker ihrer biologischen Endlichkeit bewusst.

Es klingt so verdammt unfair, aber – der Sensenmann holt auch die Frauen. Auf Platz 11 bei den Sachbüchern stand bei Redaktionsschluss die Journalistin Bascha Mika mit Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden. Platz 1 aber hat die Moderatorin Christine Westermann erobert, mit Da geht noch was. Dieses Buch sucht eine Antwort auf die Frage: Was geht noch, wenn man 65 ist? Antwort, kurz gefasst: Ein bisschen was geht immer.

Auf Platz 6 steht die Australierin Bronnie Ware mit Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Fast alle Sterbenden scheinen, laut Bronnie Ware, zu bereuen, dass sie zu viel Zeit für Arbeit und Beruf aufgewendet haben. Man soll sich nicht zu sehr auf Karriere konzentrieren, man soll lieber Spaß haben. Chefredakteurin zu werden, wie Bascha Mika es wieder getan hat, ist da vermutlich nicht die richtige Entscheidung. Was nach dem Redaktionsschluss des Lebens passiert, schildert der amerikanische Neurochirurg Eben Alexander in Blick in die Ewigkeit, Platz 10. Alexander ist vermutlich der erste Gehirnexperte mit persönlicher Nahtoderfahrung. Es war "eine Schicht aus betenden Engelwesen" und "Schmetterlingen", durch die er nach unten stieg. Nur Schmetterlinge! Das große Bienensterben scheint nun auch den Weg ins Jenseits erreicht zu haben. Alexander hat sogar, nachdem er die Schmetterlinge verscheucht hatte, mit Gott gesprochen, er verrät aber nicht, was Gott ihm im Einzelnen gesagt hat. Zumindest Gott kann sich offensichtlich, was seine abgehörten Privatgespräche betrifft, ganz auf die Diskretion der Amerikaner verlassen.

Nahezu das einzige nicht dem Thanatos, sondern dem Eros gewidmete Buch auf den Bestsellerlisten ist zurzeit Daniel Bergners Die versteckte Lust der Frauen, Sachbuch, Platz 15. Bergner will mit dem Mythos aufräumen, dass Frauen zur Monogamie und zur Treue besser begabt seien als Männer. Unter anderem wird Testpersonen eine Miniglühbirne in die Vagina eingeführt, damit misst man irgendwas. So viel anders als die Liebespraktiken in Shades of Grey sind die Experimente bei David Bergner auch wieder nicht.

Platz 1 bei den Paperbacks: Christina Berndt mit Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. Berndt rät zu einer "Selbstsicherheit, die den Großteil der Kritik abprallen lässt", offenbar ist das Buch eine Hymne auf das Lebensmodell von Helmut Kohl. Interessant ist auch die These, dass ältere Menschen "umgänglicher" und "emotional stabiler" werden. Für Günter Grass gilt dies sicher nur in begrenztem Umfang. Grass spielt eine Rolle in dem großen literarischen Comeback dieses Frühjahrs. Der 1991 verstorbene Max Frisch meldet sich, nachdem ihn die Schmetterlinge lange genug genervt haben, mit dem Berliner Journal posthum zu Wort, seinem Tagebuch von 1973 und 1974. Es steht in der Belletristik schon auf Platz 12. Der Schweizer Dichter berichtet, dass ihm Grass eines seiner immer für Aufsehen sorgenden Gedichte vorgetragen hat, ein Poem auf die für ihre erotische Aura berühmte Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Zitat: "Wichsende Knaben löcherten ihren Schleier." Frischs Kommentar: "Ich frage ihn, was damit gemeint sei." Einige Zeilen weiter: "Die Frage irritiert ihn nicht. Er wird nicht scharf, nicht böse, er verschanzt sich bloß hinter spezieller Sachkenntnis."