Sie will einfach nicht kommen, diese Revolution. Jedenfalls nicht in den USA. Schon der deutsche Soziologe Werner Sombart zerbrach sich darüber den Kopf und fragte irritiert: "Warum gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Sozialismus?" Denn das Ausbleiben einer kommunistischen Revolution im Kernland des Kapitalismus sprach Karl Marx Hohn. Der hatte prophezeit, der hoch entwickelte Kapitalismus der USA werde sich so weit zuspitzen, bis dort eine Arbeiterklasse entstehe, die ihre historische Aufgabe wahrnehme und in Amerika vor allen anderen Ländern an die Macht komme. Passiert ist nicht viel.

Dabei ist der Grund für Marx’ Fehlanalyse einfach: Aufgrund des Mangels an Arbeitskräften hatten amerikanische Arbeiter im 19. Jahrhundert eine außergewöhnliche Verhandlungsmacht, die sich in hohen Löhnen niederschlug und damit auch in Lebensumständen, die diejenigen europäischer Arbeiter weit übertrafen. Amerikaner mussten einfach nicht revoltieren, sie hatten es schon ziemlich gut. Zur Weißglut trieb Sozialisten auch, dass sich die USA so egalitär gaben, so ganz ohne feudale Strukturen und Klassen. Friedrich Engels notierte angewidert, Amerikaner seien geborene Konservative und auch noch stolz darauf. Antonio Gramsci erkannte im amerikanischen Ideal der Meritokratie gar eine eigene Ideologie, die totale Hegemonie bürgerlicher Werte, neben der für Sozialismus kein Platz sei. Dazu beigetragen hat auch der grassierende Rassismus. Noch in den sechziger Jahren ließen sich mit ihm marxistische Intellektuelle, die die Rassentrennung bekämpften, und Gewerkschaften der weißen Arbeiterschicht auseinanderbringen. Diese Zersplitterung rächte sich in einem politischen System, das aufgrund des herrschenden Mehrheitswahlrechtes und der schieren Größe des Landes kleine Parteien benachteiligte. Den Todesstoß versetzten dem amerikanischen Sozialismus die Repressalien der beiden Red Scares (Roten Ängste), als sich die Angst vor dem Kommunismus zur Massenhysterie steigerte. Nach der bolschewistischen Revolution und dann verstärkt in den 1950er Jahren, unter der Ägide McCarthys, wurden echte und vermeintliche Kommunisten aus allen gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Positionen vertrieben. Damit war die Frage eines amerikanischen Sozialismus für fast 100 Jahre vom Tisch.

Doch heute stellt sie sich so dringend wie noch nie. Die relative Prosperität der (weißen) Unterschicht löst sich gerade auf. Jahrzehnte sinkender Löhne, der massive Abbau staatlicher Leistungen und die große Rezession haben den Mythos des meritokratischen Amerikas angekratzt. Falls Amerika keine Klassengesellschaft war – heute ist es bestimmt eine. Anhänger des historischen Materialismus dürfen sich freuen: Es scheint sich tatsächlich eine neue Ära der Arbeitskonflikte anzubahnen. Die Angestellten des öffentlichen Dienstes haben sich in mehreren Staaten mit Massenprotesten und zivilem Ungehorsam gegen erneute Sparübungen der lokalen Behörden gewehrt. Die Arbeiter des Billigdiscounters Wal-Mart und der Fast-Food-Industrie haben das Land mit einer Welle von Streiks ungekannten Ausmaßes überzogen. Sie fordern eine Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Dollar (12 Euro). Dass diese Bewegungen nicht nur Ausdruck einer zunehmend "progressiven" Bevölkerung sind, wie es im amerikanischen Politjargon heißt, zeigt die Wahl von Kshama Sawant.

Nach dem NSA-Skandal ist das Vertrauen in Obama erschüttert

Die 41-jährige indische Einwanderin wurde im Herbst in der Westküstenstadt Seattle in die Stadtregierung gewählt. Das wäre nicht weiter aufsehenerregend – wäre Sawant nicht Mitglied der Partei "Sozialistische Alternative". Denn Sawant ist tatsächlich eine der wenigen Sozialisten, die seit dem Ersten Weltkrieg in ein öffentliches Amt gewählt wurden. Sie bezichtigt den Flugzeughersteller Boeing, den größten Arbeitgeber der Region, schon mal des "wirtschaftlichen Terrorismus" und setzt sich vehement für die Einführung eines kommunalen Stundenlohns von 15 Dollar pro Stunde, ein verschärftes Mietrecht und eine Reichensteuer ein. Als Boeing damit drohte, aus der Stadt abzuziehen, erinnerte die Ökonomin Sawant daran, dass man die Manager nicht brauche, Produktionsmittel gehörten ohnehin in die Hände der Arbeiterschaft.

Das sind im kapitalismusfreundlichen Amerika ganz neue Töne. Selbst die bürgerliche Hegemonie wankt, die Gramsci unterstellt hatte. 2011 stellte das renommierte Umfrageinstitut Pew erstmals fest, dass die Kohorte der 18- bis 29-Jährigen (die sogenannten Millennials) inzwischen dem Begriff "Sozialismus" mehr abgewinnen kann als dem Begriff "Kapitalismus". Die Onlinezeitung Daily Beast prophezeite daraufhin die Entstehung einer neuen politischen Generation, die deutlich linker sei als vorhergehende, gerade in Abgrenzung zu bisherigen Demokraten, die noch immer Ronald Reagans Liberalismus teilen: weniger Staat, mehr Business.