Das Schlimmste wird im Folgenden nur am Rande vorkommen – die Möglichkeit, dass Anna Altschuk nie wieder aufgetaucht wäre. Nicht zu wissen, was passiert ist! Fest steht aber, dass die Leiche der russischen Lyrikerin, Künstlerin und Kunstkritikerin Anna Altschuk am 11. April 2008 in der südlichen Kammer der Mühlendamm-Schleuse in Berlin-Mitte angeschwemmt wurde.

Anna Altschuk hatte am 21. März die Wohnung mit der an ihren Mann Michail Ryklin gerichteten Bemerkung verlassen, sie gehe einkaufen. Es ist ein nasser, kalter, windiger Tag, an dem sie verschwindet. Drei Wochen später, am 11. April, teilt man Ryklin mit, dass ein Körper gefunden wurde. Auf Bildern erkennt er den Ehering. In den Taschen der Kleider finden sich Steine und ein zerfallenes Bild von Manjushri, einer Inkarnation von Buddha. Im Blut der Toten ist ein Schlafmittel in 20-fach erhöhter Konzentration. Ihr Kehlkopf ist beschädigt, es gibt eine Stichwunde in der rechten Körperseite, darin eine abgebrochene Nadel. Eine Mütze ist über Stirn und Augen gezogen.

So die Fakten. Sie werden nicht ausreichen, um zu klären, was mit Anna Altschuk geschehen ist, ob sie ermordet wurde, wie Freunde und Presse sofort vermuten, ob es ein Suizid war, wovon die Polizei von Beginn an ausgeht. Pannen in der Gerichtsmedizin machen es unmöglich, die Fragen je zu beantworten. In dieser Ungewissheit ist Michail Ryklin also darauf geworfen, für sich selber zu klären, was mit seiner Frau geschah. Er nimmt die Aufgabe auf sich. Und führt eine eigene Ermittlung durch, mit den Instrumenten, wie sie einem Philosophen zur Verfügung stehen: Er ordnet die Gedanken. Er liest Texte. Er bildet Hypothesen, zieht Schlussfolgerungen.

Ryklin besorgt sich die Ermittlungsakte der Polizei, er arbeitet sich durch die über 100 Seiten. Er findet die Tagebücher seiner Frau, es sind 22 nummerierte Hefte. Er liest die Aufzeichnungen ihrer Träume, noch weitere fünf Hefte. Und betreibt Textexegese. Von Briefen, Gesprächen, Gedichten, solchen, die sie schrieb, solchen, die sie las. Endlich schreibt er das Buch über Anna, in dem er alle Fundstücke, Überlegungen, Stück für Stück, aneinanderlegt. Es ist eine aufwühlende Lektüre.

Ryklin sagt: "Dieses Buch hat drei Jahre lang gedauert. Dann blieben vielleicht zehn Seiten, die noch zu schreiben waren. Aber ich konnte mich einfach nicht zwingen, diese Seiten zu schreiben, das hat dann noch einmal zwei Jahre gedauert."

Wir treffen Michail Ryklin in seiner Wohnung in Berlin, es ist eine andere als die, aus der seine Frau Anna verschwand. Die neue Wohnung liegt in einem der glatt renovierten Wohnblöcke in Mitte, man geht alte steinerne Treppen hoch, dann steht man in einer kleinen Wohnung, die nach Süden über einen Friedhof schaut. Das findet er schön, weil es so ruhig sei. Ryklin ist ein kleiner Mann, er wirkt voller Energie. Er spricht Deutsch mit russischem Akzent, was seinen Sätzen Kontur verleiht. Wie also reden über das Schrecklichste? Er scheint meine Beklemmung nicht zu teilen. Seine Stimme ist voll, und ohne Zögern verfolgt er seine Gedanken, geradewegs durch Einwürfe, durch Fragen hindurch. "Ja, ja", sagt er dann, "interessant" – und hält weiter Kurs.

Er sagt: "Wir waren 33 Jahre zusammen. Das ist ziemlich viel Zeit. Aber einiges habe ich erst nach dem Tod entdeckt, was meine Frau betrifft. Wenn Leute miteinander so lange Zeit verbringen, bedeutet das ja nicht, dass sie einander kennen. Ich kann nicht sagen, dass alles, was ich herausgefunden habe, eine totale Überraschung war. Aber doch vieles."

Anna Altschuk, so erinnern sich Freunde in Berlin, war eine kleine Person voller Charme. Zierlich, ohne fragil zu wirken. Sehr präsent, leuchtend geradezu. Auch wenn sie nicht Deutsch sprach, so sprach sie doch gutes Englisch und konnte lebhaft erzählen. Geboren 1955 auf der Insel Sachalin. Michail und Anna sind sich 1973 begegnet und heiraten 1975. Während dieser Jahre studiert sie in Moskau Geschichte. Er promoviert 1978 mit einer Arbeit über Claude Lévi-Strauss und Jean-Jacques Rousseau. Sie sucht die Nähe von Konzeptkünstlern, Gedichte entstehen. Einzeller-Gedichte, die mit Buchstaben Oberflächen malen. Gedichte, die Wörter und Sätze zerrupfen und Fragmente als fremdartige Hallräume neu ordnen. Gedichte können auch wütend draufschlagen, "gift drauf nehmen / dummwiebrot / abgefahrenes sich VER – lus-TIEREn...", dieses aus dem Jahr vor ihrem Tod.