Nadifa Mohamed stammt aus Somalia. Es muss ein seltsames Gefühl sein, wenn das eigene Herkunftsland weltweit als Failed State behandelt wird. Es muss ein schmerzhaftes Gefühl sein, wenn man als 33-jährige Schriftstellerin – eine mondäne Erscheinung, seit fast 30 Jahren in London lebend – ein ums andere Mal darauf angesprochen wird. Die neugierige, manchmal etwas sensationslüsterne Nachfrage hat Gründe. Die zwei wichtigsten sind die beiden Romane, die Nadifa Mohamed, 1981 im Nordwesten Somalias, in Hargeisa, geboren, über ihr Land geschrieben hat. Black Mamba Boy heißt der erste, ein Buch über ihren Vater, der schon zur Zeit der italienischen und englischen Kolonialherrschaft geflohen ist und auf der Suche nach wiederum seinem Vater die ostafrikanische und nahöstliche Weltgegend durchquert hat. Das Vaterbuch erschien bereits 2010 und war ein großer Erfolg in der englischsprachigen Welt. Jetzt ist Nadifa Mohameds zweiter Roman, ihr erster auf Deutsch, erschienen: Der Garten der verlorenen Seelen.

Einen Mutterroman könnte man ihn nennen, weil sich darin versprengte Frauen, schmerzbeladen, voll Trauer und Hass, auf eine Weise gegenseitig helfen, die an die Überlebensgemeinschaft Familie erinnert. Am Ende, im letzten Satz des Romans, wird diese improvisierte Gemeinschaft dann genau so genannt: "der Krieg und die Zeit in Hargeisa waren nur eine schwere Prüfung gewesen, damit sie das so sehnsüchtig Erwünschte bekommt: eine Familie – mag diese auch noch so zusammengeschustert sein."

Das ist nun wirklich schwer auszuhalten, nach 270 Seiten anschwellender Hölle auf Erden. Der Roman erzählt von den letzten Zuckungen des despotischen Regimes Siad Barres Ende der achtziger Jahre. Bürgerkrieg und Krieg drängen in die Stadt – seit damals, seit nunmehr 25 Jahren, ist Somalia zur Premium-Weltgegend der Clankämpfe, des islamistischen Terrors und der Organisierten Kriminalität geworden.

Der Roman erzählt von drei Frauen aus drei Generationen. Von der neunjährigen Deqo, Waisenkind, ewiger Flüchtling, in einer Plastiktonne hausend, später in einem Bordell als gerade eben geduldete Magd, bevor der Krieg sie am Nacken packt und hinausschmeißt aus ihrem allerkleinsten Schutzreservoir. Von der knapp 30-jährigen Armeeoffizierin Filsan, streng, ehrgeizig, mit gelegentlichen brutalen Aussetzern, die aber einen Rest Ehre im Leib hat, einen stattlichen Mann will und sich aus ihrer Lebenssituation buchstäblich herausschießt. Deqo ist eine an Charles Dickens’ Sozialmärchen erinnernde Figur, die Anteilnahme, Rührung und bangendes Hoffen mobilisiert. Filsan ist eine ambivalente Gestalt und insofern die interessantere. Sie verkörpert die Gewalt des Regimes, behält aber eine Ahnung davon, was sie da tut. Und da ist die gute Kawsar, Ende fünfzig, die beim rasanten Beginn des Romans der unbekannten Deqo gegen die Schergen des Diktators zu Hilfe eilt und deshalb auf dem Polizeirevier krankenhausreif geschlagen wird. Ihre Peinigerin ist just jene Filsan mit den Bügelfalten-Militärhosen in der Tradition ihres prügelnden Offiziersvaters.

Mit dieser Grundkonstellation haben wir auch die erste Verbindung zwischen den drei Frauen. Sie baut sich über zwei Gewaltakte auf. Dann verliert sie sich im Fortgang der Handlung, wir folgen den je eigenen Wegen der drei Frauen durch die Hölle von Hargeisa, um sie ganz zum Schluss in einer postapokalyptischen Apotheose wieder vereint zu sehen. Auf der Flucht vor der Vernichtung schiebt Filsan nun die schwer verletzte Kawsar auf einer Schubkarre durch tiefen Wüstensand, die vorauseilende Deqo gräbt das Karrenrad immer wieder aus. Das ist Bibel, Brecht und Trash in einem, ein Bild- und Bedeutungs-GAU, der rückwirkend den ganzen Roman infrage stellt.

Warum, fragt man sich händeringend, greift der so trocken und konzentriert erzählte, brutal realistische Gewaltszenen aufrufende Roman zu einem solch pathetischen Schluss? Es ist schon in der Eingangsszene angelegt, im Moment der überwältigenden Menschlichkeit, wenn die alte Kawsar, die nichts mehr zu verlieren hat, sich selbstlos vor ein fremdes Kind stellt. Diese spontane Humanität ist der Initialfunke, der immer weiterwirkt, selbst wenn davon lange nichts sichtbar wird im Schrecken des kriegerischen Alltags. Diese Humanität überträgt sich in die Dramaturgie des Romans. Er akzeptiert nicht die unberechenbare Gewalt, den Zufall der Geschichte. Er zeigt Menschen als helfende Wesen gegen die krude, rohe und brutale Faktizität, von der er gleichwohl berichtet.

Auf den Wegen durch die brutalisierte Stadt des Krieges treffen wir immer wieder dieselben Personen. Man muss aufmerksam lesen, um zu merken, dass auch die Nebenfiguren ständig in neuen Zusammenhängen auftauchen. Der Roman arbeitet hart an der Rettung seines Personals. Die matrilineare Selbsthilfegruppe stiftet schließlich eine Familie als Zelle einer neuen Ordnung. Somalia, so kann man das übersetzen, ist nicht verloren. In der avanciert modernen Literatur wäre eine Rettung wesentlich über die Erzählform inszeniert. Bei Nadifa Mohamed geschieht es über einen human inspirierten Inhalt. Man sieht im Roman sofort groß bebildertes Kino, einen feministischen Doktor Schiwago in Subsahara-Afrika. Als ästhetisches Programm mag dieses naive Erzählen schwach sein, als Versuch, im verbreiteten Wahrnehmungsraster des indiskutablen Failed State menschliche Gesichter, einen humanen Kern zu behaupten, hat es etwas Anrührendes.