Wird eine Bedrohung zu groß, dann rücken die Bedrohten zusammen und bilden das, was sie dann eine Allianz nennen. Genau das tun derzeit die Bundesregierung und die großen Telekommunikationskonzerne. Sie formen eine Netzallianz. Es ist eine Allianz der Willigen, die Mitglieder wollen also etwas tun. Nur was, das scheinen sie selbst noch nicht zu wissen, wie man auf der Computermesse Cebit in den vergangenen Tagen beobachten konnte.

Eindeutig ist nur die Diagnose: Es gibt ein Problem. Früher war Europa weltweit führend in Sachen Telekommunikation, heute machen amerikanische Internetunternehmen das große Geschäft. Google und Co. scheffeln Milliarden Dollar und nutzen dafür jene Datenleitungen, die ihnen Firmen wie die Telekom zur Verfügung stellen – ohne dass diese mitverdienen.

Die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Netze steigen, die Einnahmen aber nicht. Und wenn das so weitergeht, wird Deutschland im internationalen Vergleich weiter zurückfallen. Schon jetzt liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit deutscher Internetzugänge bestenfalls im globalen Mittelfeld und sogar knapp hinter jener in Rumänien, hat der Netzwerkdienstleister Akamai ermittelt. Ganz weit vorn ist Südkorea, wo Daten rechnerisch dreimal so schnell unterwegs sind wie hierzulande. Aber auch die USA und Japan schneiden besser ab als Deutschland.

Ob die Netzallianz das richten kann, ist fraglich. Denn ein Schlagwort macht noch keine Politik, und an Bekenntnissen zur digitalen Aufrüstung des Standorts Deutschland war zuletzt auch kein Mangel. Wird sich das nun ändern?

Diskutiert wird gerade, die Erlöse aus der bevorstehenden Funkfrequenz-Auktion dem Netzausbau zur Verfügung zu stellen. Eigentlich eine gute Idee, wenn nicht aller Wahrscheinlichkeit nach die großen Telekommunikationskonzerne erst die Frequenzrechte ersteigern würden und dann den geforderten Ausbau vornehmen müssten. Bestenfalls mit dem Geld, das sie zuvor ausgegeben haben. So gesehen, könnte man ihnen die Frequenzrechte gleich schenken, das wäre wohl unbürokratischer.

In Sachen Regulierung haben die Telekommunikationskonzerne lange Wunschlisten, zu deren Abarbeitung sie die Bundesregierung ermuntern möchten. Da ist etwa die aus ihrer Sicht unfaire Benachteiligung gegenüber den großen Digitalkonzernen. Die Europäer kritisieren, dass Sprachtelefonie und SMS staatlich reguliert würden, während alle anderen digitalen Kommunikationsarten davon ausgenommen seien. In der Tat erscheint dieser Ansatz überholt in einer Zeit, in der Sprache, Bilder, Texte und Töne nur prinzipiell noch in Form von Datensätzen übermittelt werden. Warum also werden SMS anders behandelt als per WhatsApp verschickte Kurznachrichten?, klagte ein führender Mobilfunkmanager auf der Cebit – und sein Einwand ist berechtigt.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Auch an der Netzneutralität würden die Konzerne gerne rütteln. Darunter versteht man den Grundsatz, alle über ein Netz transportierten Daten gleich zu behandeln. Bestimmte Daten zu bevorzugen widerspräche dem demokratischen Prinzip des Netzes, argumentieren die Befürworter der Neutralität.

Deswegen will auch Vodafones Vorstandschef Vittorio Colao nicht von einer Diskriminierung von Daten sprechen. Von einer Segmentierung spricht er indes sehr wohl: Es könne ja wohl niemand dagegen sein, dass relevante Daten wie etwa zu medizinischen Notfällen in überfüllten Netzen schneller transportiert würden als privat gepostete Fotos auf Facebook. Da möchte man ihm natürlich sofort zustimmen, nur bedeutet das in letzter Konsequenz eben doch, dass jemand Daten in verschiedene Klassen einordnet. Nach Inhalt oder Absender.

Sprechen europäische Manager über die USA, bekommen sie feuchte Augen. Dort zahlten die Kunden doppelt so viel für einen schnellen Internetzugang wie hierzulande, seufzen sie. Was ja stimmen mag. Aber auch daran liegen könnte, dass die Kunden für ihr Geld bessere Leistungen bekommen.