Wolfgang Schäuble hat sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert. Erstmals seit 46 Jahren wird der Bund keine neuen Schulden aufnehmen. So sieht es der Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vor, den das Kabinett an diesem Mittwoch abgesegnet hat. Nach fast einem halben Jahrhundert Schuldenwirtschaft ist Schluss mit einer Politik auf Kosten der kommenden Generationen.

Das ist die Lagebeschreibung, die Union und SPD in diesen Tagen verbreiten. Sie ist nicht völlig falsch. Es läuft ja auch ganz gut für den Finanzminister, und die Republik diskutiert sogar wieder über Steuerentlastungen. Aber es gibt noch eine andere, weniger angenehme Sicht der Dinge.

So sinkt die Neuverschuldung vor allem, weil ein großer Teil der staatlichen Leistungen nicht in Schäubles Etat auftaucht, obwohl die Allgemeinheit dafür aufkommen muss. Es wächst ein riesiger Schattenhaushalt heran – und es bleibt wenig für die Dinge übrig, die das Land wirklich nach vorne bringen: Schulen, Kitas, Straßen, Schienen.

Was die Frage aufwirft, ob das mit der schwarzen Null nun eigentlich eine gute Nachricht ist oder eine schlechte.

Allein in diesem und im kommenden Jahr spart Schäuble rund sechs Milliarden Euro ein, indem er den Zuschuss für die Krankenkassen kürzt. Zwar können die Kassen das derzeit noch verschmerzen, weil sie wegen der guten Konjunktur im Geld schwimmen. Doch mit dem Zuschuss werden Leistungen bezahlt, die die Kassen für die Allgemeinheit erbringen – etwa die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern.

Deshalb sollten solche Leistungen nach allgemeiner Auffassung eigentlich aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden. Nun aber werden die Gelder der Beitragszahler für öffentliche Aufgaben zweckentfremdet, um den Staatshaushalt nicht zu belasten.

Die Beitragszahler werden mit 40 Milliarden Euro belastet

Auch die zusätzlichen Ausgaben der Koalition für die Mütterrente, die Rente mit 63 und die geplante Pflegereform belasten den Etat kaum – die Sozialkassen dafür umso mehr. Den Preis bezahlen die Versicherten in Form von Beitragserhöhungen oder entgangenen Beitragssenkungen. Eine eigentlich für das laufende Jahr anstehende Minderung des Rentenbeitragssatzes um 0,6 Prozentpunkte hat die Regierung bereits kassiert, die Pflegebeiträge sollen im kommenden Jahr erhöht werden.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Die Kosten für die Beitragszahler sind enorm. Sie summieren sich nach Berechnungen von Heinz Gebhardt, Experte für öffentliche Finanzen am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, bis zum Ende der Legislaturperiode auf rund 40 Milliarden Euro – und ein großer Teil dieses Geldes dient ebenfalls der Finanzierung von versicherungsfremden Aufgaben, die eigentlich die Allgemeinheit übernehmen müsste. "Den Sozialversicherungen werden dauerhafte Zusatzbelastungen aufgebürdet", sagt Gebhardt.