Es ist der 28. Oktober 1970, als die Staatssicherheit Kim Hye-sooks Vater, die Mutter und die beiden Schwestern abholt. Hinter ihnen schließen sich noch am selben Tag die Tore des Lagers Nr. 18 in Pukchang. Wieder ist eine Familie im nordkoreanischen Gulag verschwunden.

Kim Hye-sook ist damals acht Jahre alt, wird von ihrer Großmutter betreut und lebt bei ihr. Dort taucht, fünf Jahre später, eine Tante auf. Ihr Auftrag: Sie soll Hye-sook ins Lager bringen. Es liegt in den Bergen, gut 100 Kilometer nördlich der Hauptstadt Pjöngjang. Umgeben ist das Lager Nr. 18 von einem vier Meter hohen Hochspannungszaun. Tief in der Nacht trifft die 13-Jährige dort ein. Die Mutter holt sie am Lagereingang ab, alt geworden, mit grauem Gesicht und zerfetzten Schuhen. Hye-sook erkennt sie kaum wieder.

Zwölf Kilometer müssen die beiden in dieser Nacht bis zu der Hütte marschieren, in der die Familie lebt – ohne den Vater, der inzwischen an eine andere Stelle des Lagers verlegt wurde. Zwei Kinder sind im Gulag geboren worden, die Familie teilt sich einen einzigen Raum. Bald kommt die Großmutter hinzu, nun hausen sie zu siebt.

Im Dach klaffen Löcher. Wenn es regnet, steht der Raum unter Wasser. Im Winter gefriert alles zu Eis. Einmal am Tag bereitet die Mutter für die Familie einen Brei aus Mais und etwas Salz; ein Abendessen gibt es nicht.

Am Tag nach ihrer Ankunft geht Kim Hye-sook in die Schule. Es ist Februar, tiefer Winter in Nordkorea, aber keines der Kinder trägt Schuhe. Ihre Füße haben sie mit Lappen und Plastikfetzen umwickelt. Weil der Hunger die Kinder schläfrig macht, nicken sie im Unterricht bisweilen ein. Dann gibt es Schläge.

Heute ist Kim Hye-sook 52 Jahre alt und lebt in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Ihr kleines Ein-Zimmer-Apartment ist vollgestopft mit Nippes. Bis auf einen Schrank hat der Raum keine Möbel. Wir setzen uns auf den geheizten Linoleumboden. Hier erzählt Kim ihre Geschichte.

Als sie mit 13 Jahren von der Tante abgeholt wird, weiß sie nichts von den Lagern. So wie die meisten Nordkoreaner nur Gerüchte kennen. Aber das wenige, was sie hören, lässt sie in Furcht erstarren bei der Vorstellung, es könne ihnen ebenso ergehen wie den Unglücklichen, die das Regime verschwinden lässt.

Sie sammelt, was irgendwie essbar ist. Ein Festessen, wenn es Mäusesuppe gibt

Berichte über den Gulag tut das Regime als imperialistische Gräuelpropaganda ab. Doch Hunderte von Flüchtlingen haben inzwischen Zeugnis abgelegt. Satellitenaufnahmen bestätigen ihre Schilderungen. Am 17. März wird eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen dem UN-Menschenrechtsrat in Genf einen Bericht vorlegen. Er beweist: Das Regime in Pjöngjang verübt in großem Umfang Verbrechen gegen die Menschheit. Dazu gehören Versklavung, Folter, Mord und Tod durch Verhungern.

Kim Il Sung, der Staatsgründer und "Große Führer" Nordkoreas, richtete die ersten Lager Ende der 1950er Jahre ein. Die Gesellschaft, ordnete er an, müsse von "Revisionisten und Klassenfeinden" gesäubert werden. Sein Sohn, der "Geliebte Führer" Kim Jong Il, baute das Lagersystem weiter aus. Unter Kim Jong Un, dem dritten Herrscher der Kim-Dynastie, besteht es bis zum heutigen Tage fort.