Direkt unter dem Gekreuzigten fühlt sich Andrä Rupprechter wohl. Der Herrgottswinkel ist sein Zufluchtsort, er gibt dem Minister Sicherheit. In einer Trachtenjacke sitzt der 52-Jährige in der Gaststube beim Ascherwirt in Brandenberg. An den holzgetäfelten Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos aus vergangenen Zeiten und Trophäen erlegter Tiere. Das Klischeebild des ruralen, gottesfürchtigen Tirolers gefällt dem ÖVP-Politiker. Brandenberg, das abgelegene Bauerndorf, in dem er aufwuchs, ist seit seiner Angelobung weltberühmt in Österreich.

Den örtlichen, oft nur schwer verständlichen Dialekt hat Rupprechter abgelegt, der harte Tiroler Zungenschlag ist aber unverkennbar. Mit seiner Weltanschauung überfordert der bodenständige Kosmopolit die festgefahrene Partei: konservativ, aber nicht reaktionär; Tiroler Patriot und überzeugter Europäer; streng katholisch, und trotzdem tritt er dafür ein, dass Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen. Er ist weder durch Korruptionsskandale noch durch die Farce um die Hypo Alpe Adria belastet. Der Mann, der die heimatliche Schützenkompanie und Blasmusik bei der Angelobung am Ballhausplatz aufmarschieren ließ und auf das Herz Jesu gelobte, könnte die Zukunftshoffnung der einstigen Volkspartei sein.

Der Minister bleibt nicht lange im Gasthaus sitzen, er lädt ein zu einem Besuch des elterlichen Hofs. Auf dem Weg bleibt er vor der Kirche stehen, in der er einst als Ministrant Dienst tat, und zeigt am Kriegerdenkmal auf die Namen der in den Weltkriegen gefallenen Verwandten. Die Rupprechters sind eng mit dem Ort verbunden. "Unsere Familiengeschichte kann bis in das 14. Jahrhundert zurückverfolgt werden", erzählt er. Ein Vorfahre kämpfte mit Andreas Hofer gegen Bayern und Franzosen. Der Vater war vor einem halben Jahrhundert Bürgermeister. Er starb, als Andrä Rupprechter noch keine zehn Jahre alt war.Als der begabte Bauernsohn in der Tiroler Postkartenidylle aufwuchs, revolutionierte Bruno Kreisky das Bildungssystem. Die Mutter wollte dem jüngsten der elf Kinder ein Studium ermöglichen. Sie wählte bei den Nationalratswahlen die SPÖ, verhalf ihr zur absoluten Mehrheit – und ging deshalb beichten. Zwei "Gegrüßet seist du, Maria" brummte der Pfarrer ihr als Buße auf.

Im Wahlkampf besucht Kreisky das kleine Brandenberg, der Volksschüler Andrä Rupprechter sagte dem Kanzler ein Begrüßungsgedicht auf, in dem er den "Adel seiner Tat" lobte. Noch heute kann er es auswendig. "Die Reformen Kreiskys waren ein riesiger Fortschritt", sagt Andrä Rupprechter heute, "sie waren eine der wichtigsten Phasen in der Entwicklung unseres Landes."

Berührungsängste mit den Roten hat er keine. Die erste Frau war Sozialdemokratin und aus der Kirche ausgetreten – nur eine standesamtliche Hochzeit kam für sie infrage. Zwei inzwischen erwachsene Töchter kamen auf die Welt, ehe sich das Paar vor zehn Jahren scheiden ließ. Seine zweite Frau heiratete er kirchlich, mit ihr hat er zwei kleine Söhne.

Der "Andrä" sei eine Mischung aus Andreas Hofer und Eduard Wallnöfer

Gerne erzählt Rupprechter die Geschichten, wie er in der Hainburger Au demonstrierte, wie er bei Trotzkisten und Anarchisten hineinschnupperte und als ÖH-Vorsitzender der Universität für Bodenkultur mit Solidarność-Anstecker auf der Schützenjacke durch Wien spazierte. "Schwarz, Grün, Rot" seien seine politischen Farben. "Ich bin ein grüner sozialer Demokrat mit einem christlich-sozialen Wertefundament", sagt er.

Vor 23 Jahren zog Andrä Rupprechter nach Wien und studierte Agrarökonomie. Das Nesthäkchen der Bauernfamilie machte Karriere und ließ den abgelegenen Heimatort nicht hinter sich. Hier verbringt er seine Ferien, hier blieb er sozialisiert. Er ist Mitglied des Tennisvereins, des Sportvereins und beim Kameradschaftsbund. Die Schützen wählten ihn kürzlich zum Leutnant. Die Menschen im Ort sprechen andächtig von ihrem "Andrä", der es in Wien und Brüssel zu etwas gebracht habe. "Das Jahrhundertereignis" sei die Angelobung für Brandenberg gewesen, sagt der Bürgermeister Hannes Neuhauser. Der Hotelier ist einer der größten Fans des neuen Ministers. Gerne erzählt er davon, wie er in ihm eine Mischung aus "Andreas Hofer und Eduard Wallnöfer" verkörpert sehe. Brandenberg, ein Ort, aus dem wegen der schlechten Internetverbindung bereits Firmen abzogen, soll jetzt von seinem berühmtesten Sohn profitieren. "Viele halten uns für Urwaldmenschen", sagt Katja Neuhauser, die Frau des Bürgermeisters, "das ändert sich jetzt."