Und sie wehrt sich doch, die Musik, nicht erst am Ende, nach drei pausenlosen Stunden Jelinek-Wagner-Marx-oder-was, zum Liebesjubel aus dem Götterdämmerungs -Finale, welches vor geschlossenem Vorhang spielt und – hach, der alte Trick! – vom Band kommt. Ja von einer veritablen Bandmaschine, die ein süßes kleines blondes Mädel bedient, das offenkundig unsere Zukunft verkörpert. Wagner ist weit weg, sagt dieses Arrangement, er hat sich uns mit seinen Musikgebirgen, seinen Suaden von der Schlechtigkeit des Geldes und der Erlösung durch Liebe in einer Weise entfremdet, die nicht wieder zu kitten ist. Das rührt durchaus an, ja es schmerzt, denn es stimmt. Da hocken wir vor unseren Bandmaschinen, in unseren Opernhäusern und starren auf den Ring des Nibelungen , als wär’s ein Buddelschiff, und fragen uns, wie Wagners Opus ultimum da nur hineingeraten konnte und wer es je wieder herauspopelt. "Nur nicht einschlafen", rät Elfriede Jelinek an solchen Stellen, "sonst ist es ganz aus."

Bei den Münchner Opernfestspielen vergangenen Sommer ist Jelineks Bühnenessay Rein Gold in einer szenischen Lesung uraufgeführt worden, als kleine Sottise zum Wagnerjahr 2013. Jetzt hat Nicolas Stemann daraus an der Berliner Staatsoper ein ausgewachsenes Musiktheater gemacht, auf großer leerer Bühne, mit großem Orchester, echten Sängern, drei Schauspielern und viel Trockeneis. Das Ganze dürfte einerseits der Versuch sein (ist es bei Jelinek schon), die Wagnerschen Ideologeme, textlich wie musikalisch, auf unsere sogenannte Wirklichkeit hin abzuklopfen. Das ergibt, wen wundert’s, jede Menge marxistisch angehauchtes, schwer kolportageverdächtiges Finanzkrisenkauderwelsch ("Das Geld wird ganz es selbst sein"), mal witziger, mal eher unerträglich. Musikalisch regiert derweil ein süffiges Best-of aus dem Ring, Walkürenritt, Feuerzauber, Trauermarsch inklusive.

Andererseits ist es der Versuch, in Stemannscher Manier ein offenes Gesamtkunstwerk abzubilden, zu dessen Material erstmals auch eine geschlossene Partitur gehört. Und hier muss den Regisseur und Autor die Courage bald wieder verlassen haben. Schneidet Wagner in seiner Buddel derart höhnische Grimassen, dass man lieber die Finger von ihm lässt? Erweist er sich gar als so überlebensgroß und erratisch, wie alle bürgerlichen Kunstvollzugsrituale behaupten? Dank zweier Mischpulte auf der Bühne hört sich die Musik mitunter gescratcht an, auch drehen Loops die Runde, und es knistert elektronisch. Mehr Eingriff aber gestatten sich David Robert Coleman, Thomas Kürstner und Sebastian Vogel, die Co-Komponisten, nicht, und so tritt ein seltsamer Effekt ein: Man kriegt Heißhunger auf Wagner, das Original – ganz gleich, ob das rezeptionsästhetisch nun korrekt ist oder nicht. Zudem machen die Staatskapelle und Dirigent Markus Poschner ihre Sache wirklich sehr fein.

Es gibt Szenen an diesem Abend, die lassen unsere rastlos erschöpfte Welt durchsichtig werden, und dafür lohnen sich alle ausgebissenen Zähne und Recherchemühen. Wenn der Schauspieler Philipp Hauß an der Seite von Rebecca Teem als Brünnhilde Heil Dir, Sonne! anstimmt, aus dem dritten Akt des Siegfried , und die Kunstanstrengung vom Albernen ins Verzweifelte kippt; oder wenn, mit gespenstisch leichter Hand, plötzlich die Ikonografie des NSU die Bühne beherrscht (verkohlte Leichen, brennender Wohnwagen, rosaroter Panther) und Wagners Waldweben darüber munter hinwegzwitschert. Die Kunst, sagt ein drittes Bild, in dem die Darsteller sich ihre zusammengerollten Klavierauszüge in die Venen stoßen, gilt bis heute als Droge und "neues Evangelium der Geschichte" (das so neu nicht ist). Entweder wir setzen uns jetzt den goldenen Schuss – oder wir kommen endlich runter von diesem Trip und fangen wieder an zu arbeiten. Manchmal muss man so deutlich werden.

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