Der Weltfrauentag in Kabul beginnt mit Empörung. Der älteste Pförtner unseres Hauses beschimpft den Mann an meiner Seite, der nun auch in Kabul lebt, weil er – um acht Uhr morgens – noch keine Rose gekauft hat. "Heute! Ist! Welt! Frauen! Tag!", ruft er ihm hinterher, als wir zu einem Termin fahren.

Frauengefängnis. Afghanische Menschenrechtlerinnen wollen Schals an die Insassinnen verteilen und uns mit hineinnehmen. Der Pförtner des Gefängnisses winkt unsere Autos an den Straßenrand. Wir sollen einen Moment warten.

Der Moment dauert eine Dreiviertelstunde. Dann lässt die Gefängnisleiterin ausrichten, heute sei leider ein schlechter Tag. Die Frauen seien zornig. Sie hätten eine Begnadigung von Präsident Karsai erwartet – wo er doch neulich 65 Taliban freigelassen habe und nun Weltfrauentag sei. Zu gefährlich für uns, sagt der Pförtner. Aber irgendwann heißt es, mit einer Bestätigung des Chefs der Menschenrechtlerinnen könnten wir doch hinein.

Die Frauen fahren los, wir warten im Auto. Am Armaturenbrett ist ein Fernseher installiert. Hamid Karsai hält eine Rede. Er ruft alle Frauen auf, zur Wahl zu gehen. Damit ein neuer Präsident komme und er in Rente gehen könne. Er sagt, Männer sollten sich mit Amerikanern oder Taliban anlegen, wenn sie beweisen wollten, wie stark sie sind – und nicht ihre Frauen verprügeln.

Die Menschenrechtlerinnen kommen zurück, die Genehmigung ist da, wir dürfen rein.

Hinter hohen Mauern stehen drei Häuser wie Wohnblöcke aneinander. Manche Zimmer haben vergitterte Balkone, auf einem kabbeln sich zwei Jungs, vielleicht vier Jahre alt, um einen Stuhl. Die Mütter im Gefängnis leben mit ihren Kindern hier.

Vor den Wohnblöcken befindet sich ein Gittertor, davor steht ein Wärter. Von drinnen dringen Schreie und Gejohle. "Das geht jeden Tag so", sagt der Wärter. "Magst du deinen Job?" – "Machst du Witze?! Die Frauen machen mir Angst. Es ist schlimm. Ich würde viel lieber im Männergefängnis arbeiten."

Eine Wärterin kommt und unterschreibt auf meinem Unterarm. "Damit wir später wissen, wer von euch keine Gefangene ist", sagt sie.

Drinnen begrüßen uns zwei Frauen in pinkfarbenen, hautengen Kleidern und mit Blumen im offenen Haar. "Willkommen, willkommen!", rufen sie. Ich bin verwirrt und überlege, ob es sein kann, dass es im Gefängnis Prostituierte gibt. Später erfahre ich: Die beiden sind die Bosse unter den Gefangenen.

Während die Menschenrechtlerinnen Kopftücher verschenken und die pinken Bosse zetern und schreien, wer welche Farbe bekommt, sprechen wir mit einer Frau, die seit einem Jahr hier ist, weil sie das Armband ihrer Schwester geklaut hat. Heute soll sie entlassen werden. Sie sagt, sie habe Angst, dass ihre Verwandten sie wieder verklagen werden, sobald sie frei ist. Dann weint sie.

Nach 30 Minuten müssen wir zurück. Die Wärterin kontrolliert die Unterschrift auf meinem Arm und schließt das Gittertor. Ein Junge winkt uns hinterher, mit der anderen Hand streckt er durch das Gitter ein Papierflugzeug nach draußen.

Im Auto klingelt mein Handy. Ein Freund erzählt, dass er mit seiner Frau gerade Schmuck kauft und mir zum Weltfrauentag gratulieren wollte. "In Deutschland feiern wir das nicht", sage ich, als er aufgelegt hat. "Wirklich?", fragt eine Menschenrechtlerin. "Das find ich gut. Ein Internationaler Menschentag würde viel deutlicher zeigen, dass wir alle gleich sind."