DIE ZEIT: Herr Büttner, was verändert sich bei Ihnen gerade?

Andreas Büttner: Eigentlich alles. Ich lerne fürs Abitur, und ich bin heilfroh, dass ich die Prüfungen in Sachsen mache, in Kamenz.

ZEIT: Warum?

Büttner: Weil das Abitur hier nur zwölf Jahre dauert.

Büttner: "Turboabitur" nennen das ja mittlerweile viele.

Büttner: Oh ja. Ein komischer Begriff. Zumal wenn man bedenkt, dass das Abitur hier schon immer nach zwölf Jahren erreicht wurde. Wir legen ja keinen Turbo ein. Wie sollen wir das Abitur in manchem alten Bundesland dann nennen: "Schneckenabitur"?

ZEIT: Mehrere Bundesländer haben vor einigen Jahren die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verkürzt, die gesamte Schulzeit also von 13 auf zwölf Jahre reduziert. Jetzt weichen aber diese Länder ihre Reformen wieder auf. Niedersachsen will sogar zurück zum alten System. Haben Sie das mitbekommen?

Büttner: Natürlich, und es ärgert mich! Ich bin im Landesschülerrat. Weil ich etwas ändern möchte. Ich wünsche mir seit Jahren, dass Deutschland ein einigermaßen einheitliches Bildungssystem bekommt. Dass kein Schüler mehr Probleme kriegt, nur weil er in ein anderes Bundesland umzieht. Und übrigens auch kein Lehrer. Daraus wird jetzt wieder nichts.

ZEIT: Vielleicht ist das schnelle Abi doch nicht das Richtige?

Büttner: Doch, man kann das Gymnasium in acht Jahren gut schaffen. Das haben wir in Sachsen bewiesen. Verstehen Sie mich nicht falsch – wir Schüler haben an unserem Schulsystem schon einiges zu kritisieren. Wir dürfen in der Oberstufe kaum noch Fächer abwählen, das Ministerium stellt zu wenige Lehrer ein. Aber auf das schnelle Abi sind wir stolz. Schließlich liegen wir auch in vielen Bildungsstudien weit vorn. Aber niemand hat uns Sachsen oder die Thüringer gefragt, wie das funktioniert.

ZEIT: Warum, glauben Sie, kapitulieren die anderen Länder vor diesem System?

Büttner: Weil die Reform viel zu schnell durchgedrückt wurde. Da hat man ein Schuljahr gestrichen, aber den Lehrplan kaum angepasst. Die Schüler sollen denselben Stoff in kürzerer Zeit schaffen. So kann es nicht funktionieren. Manchmal frage ich mich, ob die Reform wirklich gewollt war oder ob man sie nicht vielmehr hat über sich ergehen lassen. Die Kultusminister haben wahrscheinlich auch die Kampfbereitschaft vieler Eltern unterschätzt.

ZEIT: Man bekam ja in den vergangenen Jahren beinahe den Eindruck, die Mütter und Väter protestierten heftiger als ihre Kinder.

Büttner: Das ist im Grunde nichts Schlechtes, aber ich finde, manche Eltern nehmen sich inzwischen zu viel heraus. Sie beanspruchen die Deutungshoheit für sich und glauben, dass sie als Einzige und am allerbesten wissen, welches Schulsystem für ihr Kind das richtige ist. Sie halten sich selbst für die größten Experten und reden Lehrern dauerhaft rein. Es gibt auch Eltern, die ihre Grundschulkinder am liebsten den ganzen Tag im Unterricht begleiten möchten.

ZEIT: Was meinen Sie, woran das liegt?

Büttner: Dahinter steht ein tiefes Misstrauen den Lehrern gegenüber. Man respektiert sie nicht in ihrer Funktion. Stattdessen gelten sie als die "Fußabtreter der Nation".

ZEIT: Als wie anstrengend empfinden Sie denn Ihre Abiturzeit?

Büttner: In der vergangenen Woche hatte ich am Dienstag eine Ethikklausur, am Mittwoch eine Bio-Leistungskontrolle, am Donnerstag eine Chemieklausur und am Freitag einen Test im Geschichtsleistungskurs, dazu kommt noch die eine oder andere mündliche Note. Eine sehr anstrengende Zeit. Aber wenn ich mein Abitur ganz ohne Stress bekäme, dann wäre etwas falsch! Die Oberstufe soll uns ja auch auf den Druck an der Uni vorbereiten.

ZEIT: Heißt das gleichzeitig, dass sich die Abiturienten anderswo nicht so anstellen sollen?

Büttner: Nein, gar nicht. Ich glaube noch nicht einmal, dass ein bayerischer Abiturient weniger zu tun hat als ich. Das ist ja das Tragische – so viel trennt uns gar nicht. Aber die Reform wurde zu einem Machtkampf: langes Abi gegen kurzes Abi, schließlich sogar West gegen Ost. Geholfen ist nun keinem von beiden.

ZEIT: Vielleicht sind die Sachsen jetzt noch stolzer auf ihr Abitur.

Büttner: Das stimmt. Da kommt bei vielen so ein Lokalpatriotismus durch: "In der Schule sind wir eben besser." Am Ende müssen wir trotzdem eingestehen, dass auch wir ein bisschen gescheitert sind, weil wir unser System den anderen nicht so richtig schmackhaft machen konnten. Dabei sind die Ziele in Ost und West die gleichen. Wir wollen eine gute Ausbildung, und wir wollen uns so früh wie möglich selbst ausprobieren. In den alten Ländern nutzen einige eines der 13 Schuljahre, um ins Ausland zu gehen. Bei uns ist es so, dass viele nach dem Abi durch die Welt reisen, ein langes Praktikum machen oder etwas Ähnliches.

ZEIT: Sie auch?

Büttner: Ja, ich bewerbe mich gerade um ein Freiwilliges Soziales Jahr, ich will etwas Praktisches machen. Man sitzt zwölf Jahre in der Schule und theoretisiert. Nun ist das Jahr nach dem Abi die beste Gelegenheit, sich auszutoben. Viel besser als ein 13. Schuljahr.