Am Abend, nach all der Angst, sitzen sie an einem Tisch und reden: Katja, Diana, Serhij, Oleh, Aleksej und Iwan. Alle jung, zwischen 20 und 35, alle gut ausgebildet, alle in Donezk im Osten der Ukraine geboren. Es ist Sonntag, der 9. März, der 200. Geburtstag des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko. Katja, Diana und die anderen hatten an diesem Tag eine Demonstration für die Einheit der Ukraine geplant. Was vor einigen Wochen eine Selbstverständlichkeit war, treibt sie nun auf die Straße.

Es sollte die dritte Demo in dieser Woche werden. Zu der ersten hatten Katja und Diana spontan über die russische Facebook-Seite "Kontakty" aufgerufen, das war am Dienstag. Es kamen rund 3.000 Leute. Die zweite Demonstration war am nächsten Tag, diesmal kamen noch mehr, fast 10.000. Sie gaben sich das Motto "Donezk ist Ukraine". Jeder sollte verstehen: Hier geht es nicht um politische Abrechnung, nicht um den Maidan, sondern um die Zukunft des Ostens.

Seit russische Truppen die Krim besetzt haben, sind auch die Städte in der östlichen Ukraine in Aufruhr. Von einem "russischen Frühling" ist jetzt die Rede, täglich wird irgendwo ein Regierungsgebäude gestürmt und die Loslösung von der Ukraine gefordert. Russlands Einfluss ist hier allgegenwärtig. Allein an diesem Sonntag hindert der ukrainische Grenzschutz mehr als 3500 Russen daran, zu Protesten in die Ukraine zu reisen.

Die drohende Spaltung des Landes schafft erstaunliche neue Allianzen

Auch der reichste Oligarch des Landes ist beunruhigt. Rinat Achmetow gehören zahlreiche Fabriken im Osten der Ukraine. Er besitzt den lokalen Fußballklub Schachtar Donezk. Achmetov war ein treuer Unterstützer des alten Regimes. Jetzt kalkuliert er neu: Sollte sich das Land spalten, wäre das schlecht fürs Geschäft.

Während Diana, Katja und die anderen sich für die Demonstration am Nachmittag vorbereiten, landet Vitali Klitschkos Privatjet in Donezk. Klitschko muss versuchen gutzumachen, was sie auf dem Maidan versäumt haben: um die Menschen hier werben, ihnen die Angst nehmen vor dem, was kommt. Klitschko und Achmetow treffen sich an diesem Tag zu einem langen Gespräch. Weil es denkbar geworden ist, dass nicht nur die Krim, sondern auch der gesamte Osten der Ukraine an Russland verloren gehen könnte, bilden sich neue Allianzen – auch zwischen dem Janukowitsch-Freund Achmetov und dessen Gegner Klitschko.

Katja, Diana und ihre Freunde hingegen versuchen, zu allen Distanz zu wahren: zu den Politikern, zu den Oligarchen, zu den Aktivisten. Als sie hören, dass Klitschko auf der Demonstration sprechen will, wird Diana wütend: "Was will er da? Das ist keine Plattform für Wahlkampf!" Und Aleksej fügt an: "Wir wollen zeigen, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, aber ohne politisches Kalkül." Doch an diesem Sonntag holt die Politik sie ein.

Donezk liegt etwa 600 Kilometer östlich von Kiew, eine Industriestadt mit knapp einer Million Einwohner. Die Sezessionsbewegung, die auf der Krim ihren Anfang nahm, greift nun auch bedrohlich auf Donezk über.