Es gibt Rollen, die ihren Trägern zur zweiten Haut geworden sind. Wer Ruth Renner gegenübersitzt, fragt sich eher, was sie mit ihrer Kunstfigur Miss Platnum verbindet. Gerade hat sie das Kreuzberger Café betreten, in dem sich zur Mittagszeit Stammgäste, Touristen und Angestellte mischen, und schon ist klar: Die Partyqueen vom Balkan ist sie nicht. Miss Platnum kommt schrill im Schürzenkleid daher, Ruth Renner dezent. Miss Platnum platzt mit der Tür ins Haus, Ruth Renner wirkt zurückhaltend, fast schüchtern. Miss Platnum rollt dramatisch das R, Ruth Renner spricht ein ebenso gepflegtes wie akzentfreies Deutsch. Dass hier ein spannungsreiches Verhältnis vorliegt, ist offensichtlich. Die beiden brauchen sich, und sie stehen sich im Weg. Eine Zeit lang hat Ruth Renner sogar überlegt, Miss Platnum sterben zu lassen, dann aber eingesehen: Man wird diese impertinente Person nicht einfach so los. Man kann nur ihr Temperament in andere Bahnen lenken.

Sechs Jahre lang war sie die Rampensau vom Dienst, nun hat Ruth Renner dem Modell Platnum einen Relaunch verordnet. Erste Neuerung: kein dicker Schlitten mehr, kein allzu offensichtliches Bling-Bling. Zweite Neuerung: Platnum singt jetzt auf Deutsch. Ob sie sich deswegen deutscher fühlt als zuvor? Ihr war es eine logische Weiterentwicklung: In diesem Land macht man sich mit der Sprache, die alle sprechen, einfach besser verständlich. "Berlinerin mit rumänischen Wurzeln": Das wäre wohl der politisch korrekte Ausdruck für das Gemeinsame von Privatperson und Kunstfigur. Nach zahllosen Konzerten, in denen die Platnum als heiratswillige Ostbraut auftrat, zum kanisterweise verabreichten Selbstgebrannten an den Küchentisch lud und die Vorzüge fettigen Essens pries, war der Schritt fällig. Die Figur der Miss Platnum sei wie ein Kampfanzug gewesen, sagt Ruth Renner: Er schützte sie, beengte sie aber auch. Wer will schon immer in voller Rüstung durch die Gegend laufen?

Glück und Benzin heißt das Album, mit dem sie nun ein neues Kapitel in der wechselvollen Platnum-Geschichte aufschlägt. Die gröbsten Folklorismen hat die Erfinderin ihrem Alter Ego ausgetrieben: Miss Platnum ist jetzt eine Frau, die auch Schwächen zeigen darf. "Den Mercedes verkauft, hab ihn nie gebraucht, zieh die alten Nikes an, seh auch damit sehr gut aus", singt sie in 99 Probleme, der melancholisch-trotzigen Eröffnungsballade, in der sie sich zu einem von Rapper Jay-Z ausgeliehenen Motiv selbst auf Reisen schickt. Ein Album wie ein Roadmovie: raus aus den Klischees, rein in den Alltag. Mal geht der Blick unterwegs sehnsüchtig hinauf zu den Sternen, mal lässt sich die Heldin einfach nur den Fahrtwind um die Nase wehen. Für das Video zu 99 Probleme ist sie sogar nach Rumänien gereist, in das Land, das sie als Achtjährige mit ihren Eltern verlassen hat. Ein seltsames Gefühl, in Bukarest zu drehen, aber auch eine befreiende Erfahrung: Miss Platnum wollte ein Bekenntnis zu ihrer Herkunft abgeben, sagt Ruth Renner. Wer mehr über sich erfahren will, muss manchmal ein Stück zurückgehen.


Aber auch musikalisch hat Ruth Renner mit Miss Platnum jetzt alte Bahnen verlassen, oder besser: Sie hat ihre Mittel verfeinert. Wo früher alles gnadenlos auf Galopp getrimmt war, ist inzwischen Raum für komplexere Stimmungslagen; wo noch auf dem Vorgängeralbum The Sweetest Hangover Balkan-Bläser ihr Spaßregime führten, knistert jetzt Elektronik zu schleppenden Beats, in die bloß hin und wieder ein Ornament aus der Herkunftskultur eingelassen ist: eine orientalische Flöte, ein schwermütiger Hintergrundchor, ein Muezzin-Ruf.

Das Wort Weltmusik klingt in ihren Ohren "ein bisschen butzelig"

Geblieben ist ein Sinn für die spezielle Note. Man könnte es Weltmusik nennen, doch das klingt in ihren Ohren "ein bisschen butzelig". Balkan-R-’n’-B oder R ’n’ Balkan wäre eine treffendere Bezeichnung, Elektro nicht falsch, Pop sowieso nicht, denn in diese Richtung bewegt sich auf dem Sektor alles, aber das sind auch wieder nur Namen, und mit den Namen hat Ruth Renner es nicht. Viel wichtiger ist, dass man sich um seine Herkunft nicht mehr permanent Gedanken machen muss. Im Patchwork der Stile ist sie bloß eine Klangfarbe unter vielen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Mit ihrer Kulturmixmethode steht die heute 33-Jährige nicht allein da: Im Lauf von zwei Jahrzehnten ist das Verschmelzen von traditionellen Elementen mit westlichem Pop üblich geworden. Es ist die musikalische Sprache der Migrantenkinder zweiter und dritter Generation, die eine doppelte Identität leben und versuchen, beiden, so gut es geht, gerecht zu werden. Was in Miss Platnums Fall als Balkan-R-’n’-B durchgeht, heißt auf Türkisch Arabeskpop, auf Serbisch Turbofolk und auf Gesamtexjugoslawisch noch mal anders, vielleicht Jugo-Punk oder Karpaten-Ska, und auch das sind bloß Etiketten einer vielgestaltigen, in sich widersprüchlichen Entwicklung. Neu an der Balkanpopwelle, die in den Nachwendejahren begann und schon bald weit über Berlin hinausschwappte, war nicht die Sparte, die sie bediente; es war die Tatsache, dass sie keine Sparten mehr kannte, sondern nur noch Feiernde.