Max Horkheimer schrieb 1938 in der Zeitschrift für Sozialforschung: "Der Humanismus in der Gegenwart besteht in der Kritik der Lebensformen, unter denen die Menschheit jetzt zugrunde geht, und in der Anstrengung, sie in vernünftigem Sinne zu verändern." Man kann im Austausch des Artikels "der" durch das offene "von" im Titel der neuen Studie der Berliner Philosophin Rahel Jaeggi eine Entdramatisierung erkennen. Eine Kritik von Lebensformen mag unserer Zeit angemessener sein: Horkheimer musste den Untergang der Welt befürchten, wir Deutschen scheinen heute glauben zu dürfen, wir kämen noch mal irgendwie davon. Tatsächlich aber hat Jaeggi sich keineswegs von der klassischen Frankfurter Schule verabschiedet. Jedoch wer wiederum glaubt, dass die erste Frau auf Hegels Lehrstuhl eine Theorie- und Sozialromantikerin wäre, den bremst der Titel ebenfalls: Der Begriff "Lebensformen" hat seit jeher einen konservativ kulturkritischen Grundzug. Was also will Rahel Jaeggi?

Mithilfe des Begriffs "Entfremdung" zeigte sie 2005, dass das Individuum seine Ansprüche an die Gesellschaft formulieren und Änderungen einklagen kann, wenn die Lebenspraxis durch Institutionen gesichert wird, die sich offen gegenüber dem kritischen Potenzial einer personenethischen Perspektive zeigen. In den späteren Arbeiten entwickelte sie eine Ideologiekritik, die sich dem Problem ihrer selbst gesetzten Grenzen bewusst ist; Hegel wurde durch Marx ergänzt.

Was leicht in eine weitere Gesellschaftskritik hätte münden können, ist jetzt stattdessen zu einem Versuch geworden, dem Zusammenspiel von sozialen, zunächst nur begrenzten, sich allmählich verfestigenden Praktiken nachzugehen, die zugleich in ihrer relativen Veränderbarkeit historisch gewachsen sind. Hier passt der Begriff der "Lebensformen" schon deshalb, weil er die mitgedachten gleichzeitigen Dynamiken und Erstarrungen ausdrückt. Lässt man sich also auf "Lebensformen" ein sowie auf Jaeggis bisher entwickelte Prämissen, dann erblicken wir hier tatsächlich so etwas wie einen genuinen sozialphilosophischen Entwurf.

Sie kann mit "Lebensformen" ein ganzes Ensemble von Begriffen reformulieren, die ansonsten den Untersuchungsgegenstand permanent verschieben. Und sie kann die gängige Feigheit, die sich in der Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft und deren nachträglicher Vermittlung ausdrückt, überwinden zugunsten eines echten Interesses, Lebensformen "vernünftig" zu verändern.

War es das? Ja, und das ist ja auch nicht wenig. Die Autorin hat damit bislang zwei gewichtige Bücher vorgelegt, die das aufbrechen, was sich unter den Debatten-Labels "Liberalismus versus Kommunitarismus" und "Radikaldemokratischer Ansatz versus konsensfähige Neutralität" verfestigt hatte. Jaeggis souveräne Prosa hätte gleichwohl manche Aufrauung durch theoriegeschichtliches Wissen vertragen – ebenso wie etwas mehr Einsicht in jenen Faktor, den sie gekonnt aus einem Hegel-Zitat entfernt hat: die "allgemeine Ironie der Welt". Vor der nämlich schützt auch der Mantel der Normativität nicht.