ZEITmagazin: Frau Dörrie, wurden Sie als Kind geliebt?

Doris Dörrie: Ich habe eine ideale Kindheit gehabt. Ich habe viele Geschwister, und meine Eltern waren sehr liberal, aber zugleich sehr strukturiert. Mittags und abends haben wir alle immer zusammen gegessen und dabei Schulsorgen, die Banalitäten des Alltags, aber auch die tiefer gehenden Dinge besprochen. Wir vier Kinder waren sehr frei, wir waren nicht für das Glück der Eltern verantwortlich. Unsere Eltern hatten einen sehr fürsorglichen liebevollen Blick, der uns aber auch in Ruhe gelassen hat.

ZEITmagazin: In Ihrem neuen Film Alles inklusive fehlt so ein Gemeinschaftsgefühl: Die Figuren sind einsam, atomisiert, sie begegnen sich nur punktuell.

Dörrie: Mich beschäftigt diese Fragmentierung sehr. Eine Gruppe ist immer sehr anstrengend und stresst, weil sie Konflikte produziert. Dieses lässige Umgehen mit Ablehnung, Kritik, was in der Gruppe und unter Geschwistern normal ist, das muss man üben. Wer das nicht übt, dem wird es auch im Leben schwerfallen, sich wirklich in der Gruppe aufzuhalten.

ZEITmagazin: Gab es zwischen Ihnen und Ihren drei Schwestern Rivalität?

Dörrie: Als ich drei Jahre alt war, bekam meine Mutter Zwillinge. Für mich war das ein Schock: Plötzlich gab es zwei gegen einen. Auf dem Schoß meiner Mutter war kein Platz mehr für mich, weil da schon zwei saßen. Ich habe auch nicht verstanden, dass man mit denen nicht spielen konnte. Ich konnte gar nichts mit ihnen anfangen, das fand ich erschütternd. Als die beiden zwei oder drei Jahre alt waren und noch kaum sprechen konnten, habe ich angefangen, mit ihnen Theaterstücke aufzuführen. Die beiden mussten das traurige Königspaar aus Dornröschen spielen, das weint und sich ein Kind wünscht. Ich sagte ihnen also: "Ihr sagt jetzt: Ach, hätten wir doch ein Kind!" Aber sie waren so verschüchtert, dass sie immer genau meine Worte wiederholten, und sagten: "Ihr sagt jetzt: Ach, hätten wir doch ein Kind!" Ich konnte ihnen nicht klarmachen, wo meine Rede aufhörte und ihre Rede anfing, daran bin ich verzweifelt. Ich habe dann gemerkt, dass ich sie am einfachsten und schnellsten in die richtige Stimmung bringe, indem ich sie direkt vor der Vorstellung ohrfeigte, weil sie dann gleich weinten. Dumm daran war, dass sie ihren Text allerdings nicht mehr konnten. Das war schon grausam, furchtbar, ich war der absolute Tyrann. Das wird in der Familie auch gern immer wieder erzählt.

"Das Schreiben ist für mich ein Schutzraum"

ZEITmagazin: Ihr Talent als Regisseurin hat sich also mit sechs Jahren schon angedeutet?

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Dörrie: Eher der Wunsch, Geschichten zu erzählen. Für mich war es ein Wunder, dass man Buchstaben aneinanderreihen kann und daraus ein Wort entsteht. Mit drei Wörtern hat man eine Geschichte: Fiffi ruft Flocki. Das hat mich wirklich umgehauen. Das Schreiben, das Aneinanderreihen von Wörtern, aus denen Bilder, Töne, Gerüche und Geschichten entstehen, war auch immer meine Rettung.

ZEITmagazin: Warum sprechen Sie von Rettung und nicht von Erfüllung?

Dörrie: 1974, ich war gerade 18, ging ich nach New York zum Studieren. Ich war ja in meiner Familie behütet aufgewachsen, und ich habe es als sehr beängstigend erlebt, plötzlich allein zu sein. Ich hatte kein Geld und habe in so einem Obdachlosenhotel auf der 33rd Street in Manhattan gewohnt, die einzige Bleibe, die ich mir leisten konnte. Dort gab es wirklich Mord und Totschlag, ständig kam die Polizei, weil jemand abgestochen wurde. Nachts hörte ich in der Badewanne die Kakerlaken rennen. Die Tür von meinem Zimmer konnte man gar nicht richtig zumachen, weil jemand sie eingetreten hatte. Ich habe da zitternd in diesem völlig verdreckten Bett gesessen und angefangen zu schreiben. Und dann hatte ich keine Angst mehr.

ZEITmagazin: Das Schreiben hat Ihnen geholfen?

Dörrie: Ja, weil ich beschreiben konnte, was mir Angst macht. Wie sich die Kakerlaken wie eine Welle in dieser Badewanne bewegen oder die Heizung irrsinnige Laute von sich gibt, faucht, zischt und tobt, und all die Schreie auf dem Flur. Es war eine wirkliche Rettung, als ich gemerkt habe, dass ich diese Dinge überstehen kann, wenn ich sie beschreibe. Ich merkte auch, dass mich mehr interessiert, was um mich herum ist, als meine Innenansicht. Ich bin durch die Straßen New Yorks gelaufen und habe alles in einem schwarz-weiß marmorierten Notizbuch festgehalten. Das mache ich bis heute, ich habe immer mein Notizbuch dabei, auch jetzt. Das Schreiben ist für mich ein Zimmer, ein Schutzraum, in den ich immer reingehen kann. Toi, toi, toi, bis heute.