Wer behauptet eigentlich unablässig, dass die Wissenschaft und die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Unternehmen so unheimlich "innovativ" seien? Richtig: die Wissenschaft und die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Unternehmen selbst. Wissenschaftshistorisch entpuppt sich derlei Erfindungsgabe allerdings eher als Marketingerzeugnis, denn die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft bezieht sich vor allem auf die Optimierung, Professionalisierung und Ausdifferenzierung des andernorts Erfundenen. Und meistens reicht die schöpferische Fantasie kaum weiter als bis zum 18. Airbag, nachdem man bereits 17 im Auto untergebracht hatte.

Da kann man mal die Gegenprobe machen: Woher rührten die wesentlichen Modernisierungsschübe, die den Kapitalismus und die modernen Gesellschaften immer resistenter gegenüber Systemwechseln, aber auch immer komfortabler und zivilisierter für die Bewohnerinnen und Bewohner machten? Die Abschaffung der Sklaverei war genauso wie die Durchsetzung von Arbeitszeitregeln und Arbeitsschutz, wie die Frauenemanzipation, die Erkämpfung von Bürgerrechten oder die Durchsetzung von Umweltschutzstandards jeweils eine Leistung sozialer Bewegungen. Das Carsharing, die dezentrale Nutzung erneuerbarer Energien, die Mehrgenerationenhäuser, der ökologische Landbau, die Gemeinschaftsgärten – all diese Erfindungen kommen aus der Initiative von Individuen und Gruppen, die dafür kein Diplom hatten, sondern einfach nur der Auffassung waren, die Welt könne vernünftiger eingerichtet sein, als sie es gerade war.

Der Brite Rob Hopkins hat vor etwa einem Jahrzehnt ein Programm zu entwickeln und zu erproben begonnen, das Städte und Gemeinden unabhängiger von externer Energieversorgung und industrieller Warenproduktion und somit resilienter machen sollte: widerstandsfähiger. Das war die Geburtsstunde der heute weltweiten transition town- Bewegung, der sich inzwischen rund 500 ortsspezifische Initiativen angeschlossen haben. Allein in Deutschland sind es mehr als 100 sehr unterschiedliche Gruppen, die lokale Wertschöpfungsketten, Energiegenossenschaften, Ausbildungsstätten, Tausch- und Leihbörsen, kurz: alles Mögliche auf den Weg bringen, was man als lebendige Widerlegung des obszönen Begriffs der "Alternativlosigkeit" betrachten könnte. Hopkins legt jetzt sein drittes Buch vor. Es heißt im Original ganz wunderbar The Power of Just Doing Stuff und umreißt schon im Titel, dass die transition- Bewegung insgesamt als eine Bewegung der Selbstermächtigung von Bürgerinnen und Bürgern zu verstehen ist, die Spaß daran haben, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse für selbst gestaltete Lebensbedingungen einzusetzen.

Das Büchlein strotzt vor Beispielen, die durchaus unterschiedlich sind, und seine Lektüre zeigt, dass es nicht nur Freude macht, Teil von transition zu sein, sondern dass hier erhebliche schöpferische Fantasie entfaltet wird. Etwa bei den "Gasketeers" im britischen Malvern, die sich um Straßenbeleuchtungen mit stark reduziertem Energieverbrauch kümmern und gegenwärtig an einer Methode tüfteln, die an Straßenlaternen bekanntlich nicht selten vorkommenden Hundehaufen energetisch zu nutzen. So etwas demonstriert auf hübsche Weise den Grundsatz, dass es transition, wie Hopkins schreibt, nicht um Wahrscheinlichkeiten, sondern um Möglichkeiten geht.

Und Möglichkeiten haben die faszinierende Eigenschaft, ständig weitere Möglichkeiten hervorzubringen, sobald man einmal den gewohnten Pfad verlassen hat. Das Denken in Wahrscheinlichkeiten, von dem sich Wissenschaft und Forschung leiten lassen, hat hingegen die Schwerkraft des Status quo zu schleppen und kommt daher nur mühsam von der Stelle. Man spürt das an der durchaus unbesorgten Art, wie Hopkins’ Buch geschrieben ist, und an den Inspirationen, die seine Beispiele und entspannten Handlungsempfehlungen geben. Das ist wissenschaftlich selbstverständlich alles nicht haltbar, funktioniert aber ganz prächtig. Und wird dringend gebraucht.