Vor einigen Jahren durfte ich einem Treffen von hochkarätigen Wirtschaftswissenschaftlern beiwohnen. Sie debattierten über die Frage: Was ist das beste politische System? Gordon Tullock, ein Wegbegleiter von James M. Buchanan bei der Entwicklung der Ökonomieschule des Public Choice , versuchte die Kollegen humorvoll davon zu überzeugen, dass die absolute Monarchie allen anderen Regierungsformen vorzuziehen sei. Weil dem König das Land gehöre, habe er alle Gründe, das Land bestmöglich zu pflegen. Und er gerate nicht in Versuchung, seinen Besitz zu plündern, weil er das Land an seine Nachkommen vererben werde.

Seit ein paar Jahrhunderten hat sich bei uns in Europa die Demokratie durchgesetzt. Eine Staatsform also, in der gemäß der Definition des großen Ökonomen Joseph Schumpeter die Regierung durch Wahlen ernannt wird. Die politische Macht wird für eine gewisse Zeit an eine Klasse von Regierenden übergeben.

Aber auch gute Ideen degenerieren. Und aus Repräsentanten mit Regierungsverantwortung, die nach einer Zeitspanne zu bestätigen oder abzuwählen waren, ist eine berufliche classe politique geworden. Eine Kaste, die sich in den Geschichtsbüchern zu verewigen versucht und der die eigenen Privilegien am wichtigsten sind.

In einer fragmentierten Gesellschaft, die mit dem immer größeren Einfluss von Technokraten zu kämpfen hat, fehlen dem Volk die Ventile, um seinen Gefühlen und seinem Ärger geordnet Luft zu machen. Als Konsequenz daraus werden eigenartige, einseitige, manchmal sogar bizarre Bewegungen ins Leben gerufen. Mit ihren Wahlprogrammen wollen sie nur eins: Stimmen gewinnen.

Unser Nachbar Italien geht dabei mit schlechtestem Beispiel voran. In Rom regiert eine kleptokratische politische Kaste, die unfähig ist, die Probleme des Landes zu lösen. Italien ist paralysiert von den poteri forti. 25 Prozent der Wähler möchten von einem Komiker regiert werden, der am liebsten alles kurz und klein schlagen würde.

Aber auch anderswo in Europa wird die Kluft zwischen Bürgern und Politikern immer tiefer.

Vielleicht hätte Schumpeter, als er sich seine Gedanken über die beste Staatsform machte, auch einmal in die Schweiz schauen müssen. Hierhin, wo das Volk auf verschiedenen Ebenen das letzte Wort hat und seine gewählten Repräsentanten immer wieder mal desavouieren kann. Eine Demokratieform, die ohne Zweifel ihre Nachteile hat. Man schreitet langsamer voran. Es besteht die Gefahr einer Vetokratie, wie Francis Fukuyama es nannte. Die Elite muss das Volk überzeugen, was unglaublich mühsam sein kann. Der Bauch spielt bei den Abstimmungen eine Rolle. Und die Mehrheit kann die Minderheit überstimmen.

Dessen ungeachtet nehme ich lieber die Gefahr in Kauf, dass einige Millionen Stimmberechtigte sich irren anstatt sieben Bundesräte, die ebenfalls einen Bauch haben, nicht notwendigerweise kompetenter sind und Geiseln ihrer Bürokraten werden können.

Wenn die Schweiz heute viel besser dasteht als andere europäische Nationen, so ist dies sicher auch das Verdienst unserer indirekten Demokratie. Verständlicherweise ist man in Brüssel über uns Schweizer genervt: Hätte Europa mehr Schweiz, würde dies das Leben der Eurokraten viel komplizierter machen.

Bevor wir uns also wieder mal ärgern, wenn das Volk nicht den von der Elite gewünschten Weg einschlagen will, erinnern wir uns doch an den guten Churchill: Die halbdirekte Demokratie ist das schlimmste System, aber wir kennen kein besseres.